Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Erster Band (Aa - Brunot)
PURL:
http://viewer.tiho-hannover.de/viewer/image/PPN670991600/224/
Rinderpest (Süd - Russland), Cholera (Ost
indien), das Gelbfieber (die Küstenstriche des
tropischen Afrika und Amerika) kann für den
Anthrax nicht angenommen werden, sondern
derselbe hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach
in verschiedenen Gegenden unter günstigen
Bedingungen, wie Feuchtigkeit, Warme, Gegen
wart sich zersetzender animalischer und vege
tabilischer Substanzen, aus unschädlichen Vor
stufen spontan entwickelt. Wo aber der Milz
brand einmal entstanden ist, da pflanzt er sich
zunächst durch Ansteckung fort und erhält
sich vermittelst gebildeter Keime oder Sporen,
die äusserst resistent gegen äussere Einflüsse
sind und durch Cadavertheile, Blut, Secrete,
Excrete, Futterstoffe, Felle, Wolle, Haare,
Borsten und andere Producte, selbst durch
Kleider weithin verschleppt werden. Durch
solch eine Sporenverschleppung lassen sich
viele ganz sporadische Fälle von Milzbrand
in sonst ganz gesunden Gegenden und Ställen
erklären. Dass der Anthrax sich an verschie
denen Orten selbstständig entwickeln kann,
dafür sprechen auch die abweichenden Formen
und der Charakter desselben in den ver
schiedenen Ländern. In Sibirien werden vor
zugsweise Pferde, in den Alpen Rinder, in
Sachsen, Schottland und Frankreich haupt
sächlich Schafe befallen. In Sibirien herrscht
die sogenannte Beulenseuche vor, in den
Steppen Süd-Russlands, in Sachsen, Schott
land und Frankreich die Blutseuche der Schafe
(sang de rate) und bei den Rindern in den
Alpen das Milzbrandfieber und der apoplek-
tische Anthrax.
Ursachen. Seit den ältesten Zeiten hat
man Hitze, Dürre, sumpfigen Boden mit seinen
Ausdünstungen, die Sumpfmiasmen und ver
dorbene, durch Regen und Nässe in Fäulniss
und Gährung übergegangene und von verschie
denen Pilzen befallene Futterstoffe als Ent
stehungsursachen des Anthrax betrachtet.
Regen und Ueberschwemmungen mit nach
folgender Hitze und Dürre, das Austrocknen
von Sümpfen und stagnirenden Gewässern,
fauliges Sumpfwasser und Sumpfheu, Aus
dünstungen aus Sümpfen wurden von jeher
als wichtige Factoren bei der Entwicklung
des Milzbrandes betrachtet. Daran reiht sich
die Verbreitung des Anthrax durch Ansteckung,
sei es direct von Thier auf Thier und auf den
Menschen oder indirect durch verschiedene
Zwischenträger, wie Fleisch, Blut, Felle, Wolle,
Haare, Futterstoffe, Kleider, Insecten. Der
Milzbrand entsteht spontan fast ausschliess
lich nur bei Herbivoren und wird von diesen
durch Ansteckung auf Omnivoren, Carnivoren
und Menschen übertragen, und zwar entweder
durch directe Berührung oder durch Genuss
von Fleisch und Blut und sonstigen Bestand-
theilen anthraxkranker Thiere. Auf letzterem
Wege inficiren sich namentlich Hunde, Katzen,
Geflügel und auch Menschen. Die Contagiosität
des Anthrax steht gegenwärtig ohne allen
Zweifel fest, wie zahlreiche Uebertragungen
durch Impfungen und Fütterungen erwiesen
haben. Nur weni ge Autoren, wie Adami. Rumpelt,
Schwab, Wolstein, Frenzei, Busch, Spohr,

Virord, Heuruth, leugnen irrthümlicherweise
die contagiösen Eigenschaften des Anthrax.
Ebenso befinden sich all die Autoren wie
Fournier, Barren, Larey, Boyer, Dusossier,
Gallard, Bayle, Kramer, Theer, Wendroth,
Haupt, Erdmann, Hoffmann, Hufland, die eine
spontane Genesis des Milzbrandes beim Men
schen annehmen, entschieden im Irrthume.
Beim Menschen entwickelt sich der Anthrax
nur nach Berührung Anthraxkranker, ihrer
Cadaver oder Cadavertheile oder nach Genuss
des Fleisches solcher Thiere. Ebenso dürfte
bei Hunden, Schweinen und Vögeln eine spon
tane Entwicklung des Milzbrandes nicht vor
kommen. Zur Uebertragung gehört aber stets
eine verletzte Körperstelle oder die Aufnahme
des Contagiums von einer Verwundung oder
vom Verdauungsapparate aus. Das Anthrax -
contagium gehört somit zu den sogenannten
fixen Contagien. Die Ausdünstungen von
Anthraxkranken und deren Cadavern können
ohne allen Nachtheil von Gesunden einge-
athmet werden. Viele Autoren nehmen beim
Anthrax irrthümlicherweise ein flüchtiges Con
tagium an, wie Schräder, Hoffmann, Winter
thaler, Carreau, Larey, Baudot, Carganico,
Wendroth, Ruprecht, Oedelius, Schwab, Lau
bender, Lux, Chaignebrun, Petit, Nicolau,
Chabert, Bertin, Toggia, Brugnone, andere
ein flüchtiges und fixes zugleich, wie Veitli,
Nöder, Neidhard. Ihre Behauptungen stützen
diese Autoren auf einige Fälle, wo Gesunde,
die in der Nähe Kranker oder neben Cadaver-
gruben und auf Cadaverplätzen und Räumen,
in denen früher Kranke gewesen, sich auf
gehalten, ohne directe Berührung und auch
scheinbar ohne Zwischenträger, auch wohl
durch einfaches Anhauchen erkrankt sein
sollen. In all diesen Fällen ist die Ueber
tragung entweder durch verunreinigtes Futter
und Getränk, durch in Staubform mit dem
Winde fortgewehte ausgetrocknete Secrete,
Excrete, Blut etc. der Kranken oder eine Ueber
tragung durch Insecten erfolgt. Wenn auch
Bayard, Carganico,Schröder,Defays,Kürber u.A.
gegen eine Verbreitung des Milzbrandes durch
Insecten auftreten, so weisen doch zahlreiche
Autoren eine solche nach. Mortfils (1776) und
Thomassin (1782) nehmen bereits eine Ueber
tragung durch Fliegen an und Gilbert und
Lacroix theilen (1793) mit, dass der Anthrax
durch Stiche solcher Insecten, die Blut aus
Milzbrandcadavern gesaugt hatten, übertragen
wurde. Zahlreiche Fälle einer derartigen Ver
impfung des Anthrax durch Insecten werden
mitgetheilt von Stahmann, Kanold, Valette,
Laubender, Flank, Glaser, Voigt, Schwab,
Hintermeyer,Nicolau,Zeilinger,Guipon,Herbst,
Mor, Chevalier, Renault, Enaux, Chaussier,
Hübner, W agner, Ziegler, Melludo, Regnier u. A.,
und Davaine, Raimbert und Bollinger über
trugen den Anthrax durch Impfungen mit
Füssen und Rüsseln von Insecten, die sich
vorher an Milzbrandcadavern oder Milzbrand-
blut vollgesogen oder beschmutzt hatten.
Pasteur und Bollinger fanden in den Einge
weiden der Regenwürmer aus Cadavergruben
undVerscharrungsplätzen die Krankheitskeime

Anschrift

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Hochschulbibliothek
Bünteweg 2
30559 Hannover
Kontakt

Tel.: +49 511 953-7100
Fax: +49 511 953-7119

E-Mail senden


Datenschutzerklärung

Partner

:
version: intranda viewer - a0c7c66