Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Erster Band (Aa - Brunot)
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Schlauches durchbohren, wobei Epitheldefecte
und Schleimhautwunden, oder wie meine
Untersuchungen es wahrscheinlich machen,
die Mandeln, resp. sonstige Drüsenöffnungen
U" p. 158 ), als prädisponirte Localitäten
angesehen werden können. Von der Ein
bruchstelle dringen dann diese mehr oder
weniger spitzen und starren, vielfach mit Wi
derhäkchen besetzten Grannen etc., beein
flusst durch die Contractionen der umgebenden
Muskeln im Bindegewebe, resp. auf dem Wege
der Lymphbahnen tiefer in das Gewebe ein.
Ebenso sicher ist, dass der Eintritt der infi-
cirenden Pilzkeime mit der eingeathmeten Luft
durch die Athmungswege erfolgen kann, wo
für ein von Pflug 24 ) beobachteter Fall spricht,
in welchem die Lungen von einer Unzahl hirse-
korn- bis stecknadelkopfgrosser Actinomyces-
knötchen von typisch tuberkelartiger Structur
(Taf. I, Fig. 4) durchsetzt waren. Der Um
stand, dass man die charakteristischen Pilzrasen
nicht nur in diesen Knötchen, sondern auch
eingeschlossen vön Granulationszellen in
grösseren Bronchien trifft (Taf. I, Fig. 10),
beweist zugleich hinlänglich, dass die Pilz
haufen in diesem Falle nicht durch den Blut
strom, wie dies Pusch 46 P- 453 ) annimmt,
sondern mit der Athmungsluft in die Lunge
gelangt sein müssen. Diese Annahme wird noch
erhärtet durch die Untersuchungen von Mar-
chand (1. c.), Hink 29 ) und Ponfick 27 P- 52 ),
womit indess die Möglichkeit der Generali-
sirung des Processes auf dem Wege der Blut-
und Lymphbahn nicht ausgeschlossen ist.
Endlich darf nicht unberücksichtigt bleiben,
dass die im Euter bei Schweinen beobachteten
actinomykotischen Abscesse auch ein Ein
dringen des an stacheligen Pflanzentheilen
haftenden Pilzes durch die Ausführungsgänge
der Milchdrüse nicht unmöglich erscheinen
lassen 20 p. 183 ).
Möglicherweise bringen die Beobachtungen
von Jensen 41 P- *'■) weitere Aufklärung über
die Art der Strahlenpilzinfection. Derselbe
beschreibt eine Strahlenpilzendemie, welche
im Jahre 1880 an der Nordküste von Seeland
(bei Nikjöbing) unter dem Rindviehbestand
eines Landstriches vorgekommen ist, der durch
Eindeichung und Trockenlegung eines Meer
busens gewonnen worden war. Sobald die
Kühe mit Gemengfutter, bes. Gerstengemenge
gefüttert wurden, welches auf Feldern ge
wachsen war, die frisch unter den Pflug
genommen worden waren, erkrankten sie fast
ausnahmslos an Actinomykose.
Die Prognose und Therapie der
thierischen Actinomykose wird von der Lo-
calität des Tumors abhängen. Ist letzterer für
das Messer erreichbar, bleibt die Exstirpation
desselben nach den allgemeinen chirurgischen
Regeln unter allen Umständen das einfachste
und sicherste Mittel, und dürfte bei dessen
ausgiebigem Gebrauche die Prognose auch eine
günstige sein. Jede Behandlung myelogener
Kieferactinomykome blieb bisher erfolglos, da
dem im Knochen selbst wüthenden Wucherungs
und Zerstörungsprocess nicht beigekommen
werden kann. Ist der Durchbruch der Wucherun

gen durch Knochen und Haut erfolgt, so dürfte
ihre wiederholte Abtragung und fortgesetzte
Aetzung mit Cup. sulfuric., Zerstörung der
Neubildung so weit thunlich mit dem Brenn
eisen etc. am Platze sein. Rosenbach 15 )
wendete bei mehreren Strahlenpilzphlegmonen
des Menschen mit Erfolg die parenchymatösen
Injectionen einer 10%igen Carbolsäurelösung
an. — Selbstheilungen der Actinomykose bei
Thieren scheinen selten und dann namentlich
bei den abscedirenden Formen derselben beob
achtet zu werden. Sie kommen durch Schrum-
pfungs- und Vernarbungsprocesse des anfangs
aus der Abscesshöhle hervorwuchernden Gra
nulationsgewebes und Verkalkung der Pilze
zu Stande. Von Bang und Jensen 41 ) wird
das häufige Vorkommen dieses günstigen Aus
ganges hei den in den Weichtheilen des Ge
sichtes und der peripharyngealen Region vor
kommenden Actinomykomen erwähnt.
B. Die Actinomykose des Menschen.
Im Jahre 1845 fand v. Langenbeck im
Eiter einer prävertebralen, zur Wirbel-
caries führenden Phlegmone die charakteri
stischen Actinomyceskörnchen, welche er ganz
correct gezeichnet und als „Pilzrasen“ auf
gefasst und beschrieben hatte 4 ). Als diese
vereinzelte Beobachtung fast vollständig in
Vergessenheit gerathen war, veröffentlichte
J. Israel im Jahre 1878 4 ) zwei ähnliche Er
krankungsfälle. Er erklärte die von ihm hiebei
gefundenen eigenthümlichen mikrophytischen
Gebilde als Pilze und als die wahrscheinliche
Ursache der vorgefundenen pathologischen Pro
cesse und beschrieb und zeichnete dieselben so
genau, dass ihm, nächst v. Langenbeck, die
Priorität der Entdeckung des Actinomyces-
pilzes beim Menschen zugeschrieben werden
muss. Trotzdem dass J. Israel schon im
folgenden Jahre einen neuen, höchst charakteri
stischen Fall von Actinomykose beim Menschen
beobachtete 10 ), brachte er dieselbe doch nicht
mit dem von Bollinger bei Thieren be
schriebenen gleichen Process in ätiologischen
Zusammenhang, ein Schritt, den erst in dem
selben Jahre Ponfick 11 ) that. Nachdem wur
den gleiche Beobachtungen beim Menschen von
Rosenbach 15 ), Partsch 19 ), Weigert 22 ),
Moosdorf und Birchhirschfeld 34 ), Stelz-
ner 39 ) Kundrat 42 ), Mitteldorpf 43 ) etc.
gemacht, so dass sich nach letzterem die Zahl
der bisher beim Menschen beobachteten Fälle
von Actinomykose auf 23 belaufen soll.
Die Actinomykose verläuft im Allgemeinen
beim Menschen unter wesentlich anderen Er
scheinungen wie bei Thieren. Während bei
diesen, namentlich beim Rind, das in Folge der
irritirenden Wirkung der Pilze gebildete Gra
nulationsgewebe mehr oder weniger derbe
Geschwulstmassen, „mycelogene Granulations
geschwülste“, wie sie Ponfick 27 l> 114 ) nennt,
bildet, hat dasselbe beim Menschen eine ganz
ausserordentliche Neigung zum nekrobiotischen.
d. h. fettig-eitrigen Zerfall. Der Process zeigt
deshalb eine ausserordentliche Neigung zum
progressiven Fortschreiten in der Umgebung,
zur Bildung weitverbreiteter Fistelgeschwüre
und protrahirter, erschöpfender Eiterungen,

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