Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Fünfter Band (Hugue - Langlois)
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zurück. Von den directen Herzreizen
scheint unter physiologischen Verhältnissen
der auf die innere Herzoberfläche wirkende
Druck besonders bedeutungsvoll. Zunahme
desselben bei allgemeiner Blutdrucksteigerung
regt die Herzthätigkeit an (Ludwig und
Thiry) und schafft so die Möglichkeit zur
Ueberwindung des durch den höheren Druck
gesetzten grösseren Widerstandes, Abnahme
desselben durch Vasomotorenlähmung oder
geringe Herzfüllung lässt sie dagegen bis
zum Stillstände zurückgehen. Die Richtig
keit dieses vielumstrittenen Lehrsatzes vor
ausgesetzt, kann man sich die jeweilige
Functionirung, die Energie und Schlagfolge
des Herzens als directe Folge des augen
blicklich in dem Gefässsystem herrschenden
Druckes denken. Wichtig für die Pathologie
ist es ferner, dass ober- und unterhalb der
physiologischen Temperaturgrenzen (beim
Frosch unter -J- 4° und über -j- 40°) liegende
Wärmegrade die Herzfrequenz zunehmen
lassen. Die Therapie kann sich eventuell die
Thatsache zu Nutze machen, dass massige,
constante Ströme die Herzthätigkeit anregen
und beleben und dass rhythmisch sich wieder
holende Inductionsreize das Herz in gleichen
Inductionsrhythmus versetzen und dass Kör
per wie Digitalin, Akonitin, Veratrin, Niko
tin, Koffern, Strophantin u. a. in kleinen Ga
ben die Herzaction kräftigen und gleichzeitig
verlangsamen, während sie in grossen „gif
tigen“ Dosen Steigerung der Pulsfrequenz,
Herabsetzung des Blutdruckes und schliess
lich Lähmung des Herzens herbeiführen. Dem
gegenüber erweisen sich die Kaliumsalze,
das Atropin, Antiarin und Muskarin schon in
geringen Dosen als Mehrer der Herzfrequenz, in
grossen Gaben aber bringen sie dasselbe zum
Stillstand. Nach den durch die Herzaction ge
bildeten Stoffen (Säuren), sowie der Einwirkung
gelöster Eiweisskörper, besonders des Pep
tons, auf die Fortdauer der Arbeit des her
ausgeschnittenen Herzens zu Schliessen, sind
Alkali und Peptone neben dem Sauerstoff die
wichtigsten der Substanzen, deren das Herz
zu seiner Thätigkeit bedarf.
Das Herz ist jedoch dem Einfluss des
Centralnervensystems nicht ganz entzogen,
vielmehr beherbergt die Medulla oblongata
ein seine Action beeinflussendes Centrum,
dessen Reizung die Herzfrequenz vermindert
oder, wenn sie sehr stark, das Organ diasto
lisch stillstehen lässt. Dasselbe ist also ein
„Herzhemmungscentrum“. Ausserdem ist
aber in diesem Theile des Centralnerven
systems noch ein „Herzbeschleunigungs
centrum“ vorhanden, denn nach Durchschnei
dung der die Erregungen des ersteren auf
das Herz überleitenden Nn. vagi bewirkt
elektrische Reizung des verlängerten Markes
Beschleunigung der Herzthätigkeit. Beide
Centren stehen mit dem Herzen in leitender
Verbindung und können so die sie treffenden
Erregungen auf dieses übertragen. Die cen-
trifugalen Bahnen des Herzhemmungs
centrums sind die Nn. vagi, die „Herz
hemmungsnerven“. Der Erfolg mässiger,

anhaltender oder rhythmischer Reizung der
selben ist Verlangsamung und Schwächung
der Herzaction (Ludwig und Coats), starke
Reizung erzeugt Herzstillstand in der Dia
stole (Weber, Budge); Durchschneidung bei
der Vagi lässt die Herzfrequenz dagegen
plötzlich ansteigen, die Vagi befinden sich
also in einem Zustand dauernder Erregung
(„Vagustonus“), die von dem Herzhemmungs
centrum ausgeht. Curare und Nicotin lähmen
die Endigungen der Vagusfasern im Herzen
und mehren so die Schlagzahl. Muscarin reizt
den Lungenmagennerven oder ein von diesem
innervirtes intrakardiales Herzhemmungscen
trum und bringt das Herz dadurch zum Still
stand in der Diastole, Atropin lähmt dieses
und hebt so die Muskarinwirkung auf. Das
Herzhemmungscentrum steht unter dem Ein
fluss reflectorisch wirkender Reize. Zahlreiche
sensible Nerven, besonders auch der Bauch
end Halssympathicus, verlangsamen, wenn ge
reizt, die Schlagfolge; das Gleiche bewirkt die
durch C0 2 oder durch Blutfüllung des Ge
hirns bedingte Erregung des Respirations
centrums; zahlreiche psychische Affecte, wie
Angst, Schreck, auch Zorn, lassen vorüber
gehend Herzstillstand und damit Ohnmachten
eintreten.
Die centrifugal leitenden Bahnen
des Herzbeschleunigungscentrums, die
„beschleunigenden Herznerven“, ver
laufen in der Mehrzahl durch das Halsmark,
um mittelst der Rami communicantes der
unteren Hals- und vorderen Brustnerven
in das erste Brust- und das untere Hals
ganglion geleitet zu werden. Die letzteren
sammeln sich zum Nerv. accelerans cordis,
der sie als ein Herzast des Sympathicus dem
Herzen zuführt; ihre Reizung bewirkt freilich
erst nach längerem Stadium der Latenz Be
schleunigung der Herzthätigkeit. Sie befinden
sich im Gegensatz zu den Vagusfasern
nicht in tonischer Erregung, Durchschneidung
derselben wird deshalb auch die Herzthätig
keit nicht weniger frequent werden lassen.
In ihrem Effect gegenüber jener stehen sie
hinter den Vagusfasern zurück, denn wenn
man der Acceleransreizung Vagusreizung
folgen lässt, so tritt sofort Verlangsamung
und selbst diastolischer Herzstillstand ein,
eine Erscheinung, die aber alsbald verlöscht,
wenn beide Reizungen unterbrochen werden;
es hinterbleibt dann in Folge der längeren
Andauer des Erregungszustandes in den ac-
celerirenden Herznerven nur allein noch durch
einige Zeit Herzbeschleunigung.
Trotz der Kenntniss dieser Gesetze der
Herzinnervation ist man über den regel
rechten Modus der den Rhythmus des Herzens
erhaltenden Erregung nicht eigentlich orien-
tirt. Es ist zu vermuthen, dass intrakardial
wirkende Reize (O-Gehalt des Blutes, Druck?)
die Herzcentra in beständiger rhythmischer
Erregung erhalten, und dass die das Central
nervensystem treffenden Reize durch Irritation
der Hemmungs- und Beschleunigungscentren
regulatorisch in die Herzaction eingreifen, um
den Blutdruck auf gewisser mittlerer Höhe

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