Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Fünfter Band (Hugue - Langlois)
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zu erhalten oder ihn, falls es dessen bedarf,
zu mehren oder zu mindern; wie oben aus
geführt, ist ja gerade seine Höhe von der
Zahl und Energie der Herzcontractionen ab
hängig.
b) Ausser dem Herzen sind, wie zahl
reiche Thatsachen lehren, auch die Gefässe
abhängig von dem Nervensystem. Vorüber
gehende stärkere oder geringere Füllung be
schränkter Gefässgebiete bei unveränderter
Herzpulsation, Schamröthe, Erection des Pe
nis, Blässe der Haut bei kühler, deren Röthung
bei warmer Temperatur lehren, dass dieser
Wechsel der Blutfülle nur von der augen
blicklichen Weite der Gefässe abhängig sein
kann, dass dagegen das Herz nicht das Ka
liber der Gefässe beherrscht. Erweiterung
und Verengerung der Gefässe ist also
ein vom Herzen unabhängiger, aber vom
Nervensystem beeinflusster Vorgang.
Ueber die Grösse dieses Einflusses belehrt
uns der Ludwig’sche Versuch: Amputation
einer Hinterextremität des sonst intacten
Frosches lässt das Blut in grossen Tropfen
aus der durchschnittenen Cruralarterie ab-
fliessen; aus der quer durchschnittenen Ar
terie eines Frosches, dessen Centralnerven
system vorgängig unter möglichster Vermei
dung der Blutung zerstört worden war, ent
leert sich dagegen auch nicht ein Tropfen
Blut. Das heisst mit anderen Worten: die
Zerstörung des Centralnervensystems veran
lasst eine derartige Erweiterung der Blut
gefässe, dass der Inhalt nicht mehr auf dem
Grade von Druck erhalten wird, der genügend
ist, um ein Abfliessen des Blutes herbeizu
führen : der Blutdruck ist also auf 0 zurück
gegangen. Die Existenz besonderer, die Ge-
fässweite beherrschender Nerven wurde schon
im XVIII. Jahrhundert und später durch
Claude Bernard an der Hand des physiolo
gischen Versuches erbracht. Eine systematische
Untersuchung und richtige Erklärung der Wir
kung dieser Nerven verdanken wir erst der
Ludwig’schen Schule.
Danach findet sich ein vasomotori
sches oder Gefässcentrum für den ganzen
Körper in der Medulla oblongata in der
Nachbarschaft des Athmungscentrums; Zer
störung des verlängerten Markes oder Ver
nichtung von dessen Einfluss auf die Körper-
gefässe nach hoher Rückenmarksdurchschnei-
dung bewirkt sogleich eine allgemeine Er
weiterung der Blutgefässe, Sinken des Blut
druckes bis auf Null und Ansammlung des
Blutes in den grossen Hinterleibsgefässen, so
dass das blutleere Herz fruchtlos weiter
arbeitet und der Tod trotz Anwendung künst
licher Respiration bald erfolgt. Reizung der
Medulla oblongata dagegen lässt die Gefässe
sich verengen und den arteriellen Blutdruck
mächtig ansteigen und die Stromgeschwindig
keit abnehmen. Es erhellt daraus, dass dieses
Centrum die Gefässe, vorwiegend die Arterien,
durch leitende Verbindungen, die es mit deren
Muskulatur unterhält, fortdauernd in einem
gewissen mittleren Erregungszustande erhält,
in Folge dessen sich diese Gefässe beständig

in einer Art Contractionszustand, einem Tonus
befinden. Dasselbe ist somit vorzugsweise als
gefäßverengendes oder vasoconstric-
torisches thätig. Ausser diesem verlängerten
Markcentrum existiren noch spinale vaso
motorische Centra, Nebenstationen ge-
wissermassen, die in der Norm scheinbar
unter dem dominirenden Einflüsse jenesHaupt-
centrums stehen, aber auch für sich in Thätig
keit treten, centralen Erregungen also Folge
leisten können. Als Beweise ihres Vorhanden
seins erachtet man die Wiederherstellung des
Arterientonus nach einige Zeit vorher er
folgter Discission des nasalen Rückenmarks
theiles und das consecutive und end gütige
Wiederverschwinden desselben, wenn der
untere Markabschnitt nachträglich zerstört
wird; man schliesst ihre Existenz ferner
aus Wiederverengung der Arterien und An
steigen des Blutdruckes, wenn nach vor
heriger hoher Rückenmarksabtrennung der
candale Abschnitt desselben gereizt wird.
Das im verlängerten Marke gelegene Haupt
centrum endlich kann durch Curarin lahm
gelegt, die Rückenmarkscentren auch danach
noch durch Strychnin beim Frosche, durch
Antiarin beim Hunde in Erregungszustand
versetzt werden. Diese spinalen Centra sollen
im Hals- und vorderen Theile des Brust
markes ihre Lage haben. Da sich aber nach
Schiff der Arterientonus selbst an Ge-
fässen wieder herstellt, deren Nerven sämmt
lich durchschnitten sind, so dürfen auch noch
peripher gelegene, gangliöse Gefäss-
centra supponirt werden, welche z. B. die
Erscheinungen der localen Gefässerweiterung
bei Entzündungen, der dyspnoischen Verenge
rung an entnervten Gefässgebieten und aus
geschnittenen Organen etc. erklären. Sie er
lauben damit auch Kaliberveränderungen der
Gefässe ohne Mitwirkung des Centralnerven
systems.
Das physiologische Experiment legt
weiterhin das Bestehen centraler und perphei-
rer vasodilatatorischer Centren nahe.
Erstere sollen ebenfalls in der Medulla oblon
gata und spinalis ihren Sitz haben. Einem
im verlängerten Marke gelegenen Hauptcen
trum subordinirte spinale „Gefässhemmungs-
centren“ glaubt man im Brust- und Lenden
marke gefunden zu haben. Sie scheinen sich
nicht in dauerndem Erregungszustande zu
befinden.
Die vasomotorischen Centra müssen, ab
gesehen von ihren gegenseitigen, also inter
centralen Verbindungen, aus leichtverständ
lichen Gründen leitende Verbindungen
in erster Linie mit allen Körpergefässen
unterhalten. Den Verkehr zwischen dem do
minirenden Centrum im verlängerten Marke
und dessen spinalen Nebenstationen scheinen
in den Seitensträngen verlaufende Nerven
fasern zu vermitteln, welche sich dann in die
Ganglien der Ventralhörner des Rückenmarkes
einsenken und von da zu den ventralen
Nervenwurzeln ziehen. Die extracentralen Ge-
fässnerven laufen dabei meist als vasocon-
strictorische und vasodilatatorische

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