Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Sechster Band (Langogne - Myzon)
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http://viewer.tiho-hannover.de/viewer/image/PPN670998583/188/
In allen zweifelhaften Fällen, wo die
Diagnose der Lungenseuche nicht mit abso
luter Sicherheit festgestellt werden kann, ent
scheidet die Section eines kranken geschlach
teten Thieres.
Die Prognose ist bei der Lungen
seuche keine sehr günstige, da durchschnitt
lich ca. 30% an der Krankheit verenden und
weitere 30% in Folge von Nachkrankheiten,
Athmungs- und Verdauungsstörungen und
Abmagerung, für Arbeite-, Zucht- und Milch-
production untauglich werden, so dass der
Gesammtverlust durch die Lungenseuche auf
60% der Erkrankten zu schätzen ist. Die
Lungenseuche gehört zu den verderblichsten
Infectionskrankheiten. Loiset berechnet den
Gesammtverlust für einzelne Gegenden auf
4% des gesummten Rinderbestandes jährlich.
Für das Departement du Nord betrugen die
Verluste durch Lungenseuche bei einem Ge-
sammtviehstande von 280.000 Stück 11.200
Stück jährlich. Holland verlor jährlich 64.000
Stück, Südholland allein in einzelnen Jahren
gegen 50.000 Stück. Für Belgien werden die
Verluste auf zwei Millionen Francs jährlich
geschätzt. Nach Sauberg verlor Rheinpreussen
von 1835—1845 ca. 100.000 Stück, und Wagen
feld schätzt den Verlust durch Lungenseuche
in Preussen jährlich auf 2—4 Millionen Tha
ler. Nach Gamgee verlor Grossbritannien
durchschnittlich jährlich für 2 Millionen Lstr.
und allein im Jahre 1860 gegen 187.000 Rin
der an der Lungenseuche. Die Vereinigten
Staaten Nordamerikas verloren in den ersten
sechs Jahren nach dem Erscheinen der Lun
genseuche 1 Million Rinder. Nachdem die
Lungenseuche 1854 ins Capland importirt war,
fielen dort an derselben im Laufe eines Jahres
mehr als 100.000 Rinder. Noch grösser waren
die Verluste in Australien, wo von 1858 bis
1872 ca. 1% Millionen Rinder fielen, mit
einem Werthe von 212 Millionen Francs.
Aetiologie. Die Lungenseuche verbreitet
sich gegenwärtig fast ausschliesslich durch An
steckung. Wann und wo sie einmal spontan
entstanden, und ob eine derartige spontane
Genesis aus miasmatischen oder indifferenten
Vorstufen auch jetzt noch und an welchen
Orten sie stattfindet, ist nicht mit Sicherheit
festgestellt worden. Einige ältere Autoren,
wie Hurtrel d’Arboval, Drouard, Broussais u. A.
leugneten überhaupt die Contagiosität der
Lungenseuche, andere, wie Bouley. Cruzei,
Thiernesse, Degive, Lafosse, Haubner, Zürn,
Hering, Roll, Kreutzer, Gierer, Kühne u. A.
geben die Contagiosität der Krankheit zu und
nehmen selbst an, dass 90—95% aller Fälle
der Ansteckung ihren Ursprung verdanken,
sind aber der Meinung, dass die Lungen
seuche auch jetzt noch in einzelnen Orten
spontan entstehen könne. Als Factoren bei
der spontanen Genesis der Lungenseuche
werden beschuldigt gewisse tellurische Ver
hältnisse, Gebirgsgegenden, sumpfige Niede
rungen, meteorologische Verhältnisse, brüsker
Temperaturwechsel, feuchte Kälte, Nebel,
kalte Winde, diätetische Verhältnisse, über
reiche oder mangelhafte Ernährung, verdor

bene Futterstoffe, schneller, plötzlicher Wech
sel zwischen Grünfutter und Trockenfutter,
Fütterung mit Schlempe und mit Rückstän
den aus den Zuckerfabriken, grosse Anhäu
fung von Thieren in engen dumpfen Ställen,
anstrengende Märsche u. dgl. Da aber die
Lungenseuche in allen Ländern bei den ver
schiedenartigsten klimatischen Boden- und
Fütterungsverhältnissen vorkommt und in
vielen Gegenden trotz des Vorhandenseins
aller oben genannten Factoren so gut wie
unbekannt ist, so spielen diese Factoren bei
der Lungenseuche nur eine untergeordnete
Rolle. Schlempefütterung und Fütterung mit
wässerigen, wenig nahrhaften Substanzen be
dingt allenfalls einen bösartigeren Verlauf der
Seuche als Fütterung mit Trockensubstanzen.
Einen ähnlichen Einfluss haben feuchte Kälte
und dumpfe, unreine Stallräume. Da die Lun
genseuche in England, Amerika, Afrika und
Australien unbekannt war, bis sie dorthin von
Holland und England importirt wurde, so ist
eine spontane Genesis der Seuche, wenigstens
für jene Länder und Erdtheile auszuschlies-
sen. Ob sie züerst in Asien oder in Europa
oder in beiden Erdtheilen einst spontan ent
standen und jetzt noch spontan entstehen
kann, bleibt unentschieden. Die meisten Auto
ren sind aber der Meinung, dass die Lungen
seuche sich jetzt ausschliesslich durch An
steckung erhalte und fortpflanze. Das Conta-
gium der Lungenseuche ist ein flüchtiges und
fixes zugleich; es ist bei ruhiger Luft in
Stallräumen auf eine Entfernung von 30 bis
50 Schritten und bei Zugluft und Winden auf
100—300 Schritte Entfernung wirksam, aber
auch durch Impfung übertragbar. Die Tena-
cität des Lungenseuchecontagiums ist eine
recht beträchtliche, denn es erhält sich in
feuchten, nicht desinficirten und nicht venti-
lirten Stallräumen, im Dünger, in den Futter
stoffen, in Fellen und Kleidungsstücken oft
3—6 Monate wirksam. Nach Fürstenberg hatte
sich das Contagium in einem Falle in Futter
stoffen aus einem verseuchten Stall 9 Monate
wirksam erhalten und Becker citirt einen Fall,
wo Rinder auf einem Cadaverplatz, auf wel
chem vor drei Monaten die Cadaver an Lun
genseuche gefallener Thiere verscharrt worden
waren, sich inficirten. Das Gras von jenem
Platz soll ebenfalls die Krankheit verbreitet
haben. Die Lungenseuche wird verschleppt
und verbreitet nicht nur durch kranke und
im Incubationsstadium befindliche Rinder,
sondern auch durch Reconvalescenten und
selbst durch schon als genesen betrachtete
Thiere. Weitere Verbreiter der Seuche sind
Stallräume und Eisenbahnwagen, in denen
sich kranke Thiere aufgehalten, Dünger,
Futterstoffe, Felle, Fleisch, Wärter, Vieh
händler, die aus kranken Ställen direct in
gesunde Ställe hinübergehen. Decken, Stall-
geräthe, Kleidungsstücke der Wärter etc.
Das Contagium steckt in der Ausathmungs-
luft der Kranken, in den Excrementen, in den
entzündlichen Exsudaten in den Lungen, im
Brustfell und subcutanen Bindegewebe, aber
auch im Blut, Fleisch und Fleischwasser.

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