Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Achter Band (Pferdescheere - Rysz)
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Geschichtliches. Die Geschichte des
Rauschbrandes umfasst erst einen kurzen Zeit
raum. Bis in die jüngere Zeit wurden Rausch
brand und Milzbrand dem Wesen nach als
identische Krankheiten betrachtet. Man sah
bloss auf das oberflächliche, auf das rohe,
makroskopische Krankheitsbild, auf die dunkle,
schwarze Färbung der ergriffenen Theile
sowie auf den den beiden Krankheiten ge
meinschaftlichen rasphen Verlauf und fast
immer letalen Ausgang. Man betrachtete die
Rauschbrand- oder die sogenannten Carbunkel-
geschwülste als kritische Erscheinungen der
Naturheilkraft, die beim Milzbrände die
virulenten oder bösen Säfte vom Innern nach
der allgemeinen Decke und von da nach
Aussen zu schaffen sich bestrebe. Das Milz
brandfieber und der symptomatische Milz
brand — der heutige Rauschbrand —wurden
als symptomatische Spielarten oder Formen
des nämlichen Krankheitszustandes erklärt.
Diese von Chabert aufgestellte Doctiin galt
lange als Dogma. Man kannte eben die Wahr
heit, d. h. die Krankheitserreger der beiden
Krankheiten nicht. Rychner, der doch mit dem
Rauschbrande so viel zu thun hatte, hul
digte ganz und voll der Lehre von Chabert.
Mit der Entdeckung der stäbchenförmigen
Körperchen — der Bacterien oder Rausch
brandbacillen — im Blute milzbrandkranker
Thiere von Delafond (1844), von Rollender
(1849), von Davaine und Bayer (1830), von
Fuchs und Brauell rückte wohl die Erkennung
des Wesens des Milzbrandes, nicht aber jene
der Natur des Rauschbrandes vorwärts. Ende
der Sechziger- und Anfangs der Siebziger
jahre glaubten noch die bedeutendsten thier
ärztlichen Autoren, wie Röll, Lafosse, Cruzei,
Renault, Reynal, Ziindel, Sanson u. A. m.,
an die Identität des Rausch- und des Milz
brandes. Erst durch die Forschungen von
Feser, Bollinger, Arloing, Cornevin und
Thomas wurde das dichte Dunkel, das so
lange das Wesen des Rauschbrandes um
fangen hatte, gelichtet. Durch diese Forscher
ist der specifische Erreger des Rauschbrandes
— der Rauschbrandbacille — und dadurch
dessen von jener des Milzbrandes völlig ver
schiedene Natur festgestellt worden.
Geographische Verbreitung. Der
Rauschbrand kommt in beiden Welttheilen,
in jeder Höhenlage und in allen Kliinaten
vor. Er herrscht in Nord-, Mittel- und Süd
amerika unter der Bezeichnung Black-leg
(Schwarzschenkel), in Nord- und Südafrika,
in Asien in den britisch - indischen Be
sitzungen, in Europa, so viel bis jetzt be
kannt gegeben, in fast sämmtlichen Staaten.
So in Preussen in der Rheinprovinz und in
Schleswig-Holstein, in Oesterreich namentlich
in den Vorarlberger, Tiroler, Salzburger,
Kärnthner, steiermärkischen und nieder- und
oberösterreichischen Alpen, in Ungarn und
in Siebenbürgen; ferner in Württemberg und
in Baden, in den oberbayrischen Alpen, in
Belgien und Holland, in England, in Italien
in der Lombardei, in Venetien und in Toscana,
in Frankreich, namentlich im Rays de Gex,
Koch. Encyklopädie d. Thierheilkd. VIII. Bd.

in der Franche-Comtö, in der Auvergne, in
den Alpen des Dauphins und des Limousin,
in den Departements der Haute-Marne und
der Basses-Pyrdndes, auf den Weiden der
Normandie und der Picardie, in den Thälern
der Seine, der Loire, des Allier, des Cher,
der Niövre und der Tonne sowie auch auf
der Insel Corsica. In der Schweiz in den
Cantonen, welche von den Hochgebirgsketten
der Alpen und der Jurakette durchzogen
sind, so in den Cantonen Wallis, Waadt,
Freiburg, Bern, in Ob- und Niedwalden , in
Uri, Schwyz, Glarus, St. Gallen und Grau
bünden. Die Seuche tritt unvergleichlich viel
häufiger beim Weide- als beim Stallvieh auf.
Häufigkeit des Rauschbrandes. Der
Rauschbrand ist eine der häufigsten und
mörderischesten infectiösen Rinderkrankheiten.
Viele Gegenden zahlen oder zahlten dieser
Krankheit einen Jahrestribut von 4, 6, 8,
10, 12—13% ihres gesammten Jungvieh
standes. Der in den verschiedenen europäi
schen Staaten vor der Einführung der Schutz
impfung den Landwirthen durch den Rausch
brand verursachte alljährliche Schaden darf
wohl auf eine Million Mark geschätzt
werden. Leider fehlt in fast sämmtlichen
Ländern eine mehr oder weniger zuverläss
liche Statistik.
Am häufigsten tritt der Rauschbrand
während der Monate Juni, Juli, August und
September beim Jungvieh im Alter von %
bis zu 2% Jahren auf, Erscheinungen, die
mit dessen Aufenthalt auf den Rauschbrand
weiden verbunden sind.
Symptome. Die Krankheit tritt immer
plötzlich, aber unter zwei Formen auf: sie
offenbart sich bald plötzlich durch das Auf
treten einer Geschwulst, bald gehen dieser
mehr oder minder schwere allgemeine Sym
ptome vorher: die Thiere hören auf zu fressen
und zu Wiederkauen; sie fiebern, zeigen grosse
Abgestumpftheit, stellenweises Muskelzittern
an Schultern und Hinterbacken, Schüttelfröste,
trockenes Flotzmaul, Traurigkeit und kühle
Extremitäten. Sodann bemerkt man mehr
oder minder starkes Hinken, dessen Sitz an
fangs noch unbestimmt ist; bald jedoch er
kennt man dessen Ursache im Auftreten
einer unregelmässig begrenzten Geschwulst
an der Hüfte, am Schenkel, am Vorarme, auf
der Schulter'. Anderemale tritt die Geschwulst
auf den Lenden, auf der Kruppe, am Tfiele,
auf der Brustwandung, am Halse und selbst,
obwohl äusserst selten, am Euter, an einem
Sprung- oder Vorderkniegelenke auf. Die an
fangs heisse und schmerzhafte Geschwulst wird
bald kühl und vom Centrum aus unempfind
lich. Die im Anfange auf eine kleine Stelle
beschränkte Geschwulst breitet sich fast
immer mit einer Staunenswerthen Raschheit
nach allen Richtungen unregelmässig aus;
die Geschwulst erreicht oft eine sehr grosse
Ausdehnung. Die etwas mehr fortgeschrittene
Geschwulst ist diffus und ödematös; die cor-
respondirende Hautstelle wird trocken, gleich
sam pergamentartig; es bildet sich rasch ein
Schorf aus. In der Geschwulst entwickelt sich
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