Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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und am meisten Aehnlichkeit mit der Schaf
pocke hat.
Die Schweinepocken werden wohl ebenso
alt sein wie die Schafpocken und Menschen
blattern, von denen einige Autoren sie ab
leiten. Eingehendere Beschreibungen der
Schweinepocken finden sich aber erst bei
Viborg, Ruling, Wirtgen, Yitet, Gasparin,
Sacco, d’Arboval, Pradal, Rousseau. Hering.
Felix, Sautin, Gebier. Magne, Lafosse zu
Ende des XVIII. und Anfang des XIX. Jahr
hunderts.
Ueber die Aetiologie der Schweine
pocken gehen die Ansichten der Autoren
noch immer weit auseinander. Bollinger ist
der Ansicht, dass die Schweinepocke keine
selbständige Krankheit sei, sondern durch
Uebertragung des Ansteckungsstoffes aus der
Menschenblatter und Schafpocke sich ent
wickle. Wenn auch Numann, Viborg, Mignon,
Reynal, Röll, Piltz constatirt haben, dass die
Menschenblatter durch Impfung auf Schweine
übertragbar ist, so ist dennoch die Schweine
pocke weder mit der Menschenblatter, noch
mit der Schafpocke vollkommen identisch,
wie schon Paulet, Camper, Voisin, Brugnon
behaupten, denen sich Benion, Lafosse u. A.
anschliessen.
Es ist Thatsache, dass die Menschen
blattern und Schafpocken in weiter Verbrei
tung auftreten, ohne dass Schweine darunter
leiden und umgekehrt können Schweinepocken
auftreten, ohne dass Menschen und Schafe
inficirt werden.
Nach Benion ist die Schweinepocke
überhaupt auf andere Thiere gar nicht über
tragbar. Dagegen steht die Contagiosität
dieser Krankheit unter Schweinen fest, wie
schon Viborg, Ruling, Wirtgen, Gasparin
u. A. constatirt haben.
Einige Autoren sind mit Halber und
Zürn der Meinung, dass die Schweinepocken
sich noch zu jeder Zeit spontan entwickeln
könnten. Felix beschuldigt Kälte, Feuch
tigkeit, unreine enge Ställe, plötzlichen
öfteren Temperaturwechsel, kalte, bereifte
Futterstoffe etc., Stegmann und Miquel Tem
peraturwechsel etc., aber alle diese Einflüsse
sind ohne besondere specifische Ursachen
nicht im Stande, den Pockenausbruch zu er
klären, und die Verbreitung durch Gontagion
ist die bei weitem häufigere und vorwiegende.
Nach Gasparin, Vitet, Wirtgen. Pradal,
Ruling, Pichou, Gay, Rousseau, Röll u. A.
haben die Ferkel eine besondere Prädispo
sition zum Erkranken an den Pocken.
Die In cubationsperiod e nach er
folgter Ansteckung bis ,zum Ausbruch der
ersten Krankheitserscheinungen schwankt zwi
schen 9—12 Tagen und ist in kalter Jahres
zeit länger als in warmer.
Die ersten wahrnehmbaren Krankheits
symptome bestehen in Verlust des Appetits,
Durst, Abgeschlagenheit und Trägheit, Zittern;
die Thiere stehen mit gesenktem Kopf, ge
krümmtem Rücken, geradem, nicht geringeltem
Schwanz und verkriechen sich gern in kühle
dunkle Ecken; die Temperatur steigt; die

Borsten werden gesträubt; das Schlingen wird
beschwerlich; die Puls- und Athemfrequenz
ist beschleunigt; die Augen sind gerüthet;
die Augenlider schwellen an; der Harn wird
dunkler gefärbt; es stellen sieh Erbrechen,
Durchfälle und Husten ein; die Haut am
Rumpf wird heiss, an den Extremitäten und
Ohren kühl; die Thiere verkriechen sich,
liegen beständig und stehen nicht gerne auf.
Nach Ablauf von 4 bis 8 Tagen wird die Haut
sehr empfindlich und es erscheinen auf der
selben am Kopfe, Halse, am Bauche und an
den inneren Schenkelflächen rothe Flecken,
die sich bald in Knötchen und in einigen
Tagen in erbsengrosse, mit einem rothen Hof
umgebene Bläschen umwandeln. Etwa vier
Tage nach dem Erscheinen der Hauterup
tionen trübt sich der anfangs klare Inhalt
der Bläschen und dieselben gehen in Pusteln
über. Die Pusteln bersten schliesslich oder
sie trocknen einfach zu schwarzbraunen Krusten
ein, die nach einiger Zeit mit Hinterlassung
kleiner Narben abfallen. Mit dem Beginn
des Abtrocknens der Pocken hört das Fieber
auf, die Patienten werden wieder munter und
zeigen guten Appetit.
Der Verlauf der Schweinepocken ist
ein regelmässiger, typischer oder ein un
regelmässiger, indem verschiedene Complica-
tionen hinzutreten können. Bei besonderer
Intensität und Bösartigkeit der Pocken ent
stehen confluirende Eruptionen, Affectionen
der Augen, der Luftwege, Lungen, des Magens
und Darmes mit Verlust des Gesichtes, Ath-
mungsbeschwerden, Ausfluss blutig-eiterigen
Schleimes aus der Nase, blutige Durchfälle.
Die Dauer der Schweinepocken beträgt
bei regelmässigem Verlauf 17—20 Tage, mit
der Incubationsperiode zusammen 3—4 Wochen.
Der Ausgang ist Genesung mit Hinter
lassung von Immunität gegen nochmalige
Erkrankung an Pocken oder der Tod.
Die Diagnose der Schweinepocken ist
bei dem charakteristischen, typischen Verlauf
und der Massenerkrankung mit keinen Schwie
rigkeiten verbunden. Nur in den ersten Stadien,
vor erfolgter deutlicher Pockenbildung, kann
die Krankheit mit Nesselsucht, Rothlauf und
verschiedenen Exanthemen verwechselt werden.
Die Prognose ist bei schlechten, hygie
nischen Verhältnissen keine günstige, da
nach den Beobachtungen von Röll u. A. bis
zu 80% der erkrankten Schweine zu Grunde
gehen können. Die Prophylaxis besteht in
Fernhaltung erkrankter Schweine von gesun
den, Vermeidung gemeinsamer Weideplätze
beim Ausbruch der Pocken in irgend einem
Orte und Fernhaltung aller Zwischenträger
des Contagiums von gesunden Schweinen.
Die von Viborg, Pradal, Eichhorn, Rayer,
Tardieu, Herpin u. A. empfohlenen Impfungen
gegen die Schweinepocken sind bisher nicht
praktisch durchgeführt, wären aber in Form
von Nothimpfungen beim Ausbruch der Seuche
in grösseren Schweineheerden zu empfehlen,
weil die Impfpocke jedenfalls milder verläuft,
als die natürliche.

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