Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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von glänzenden Flächen reflectirtes Licht in
die Augen fällt, z. B. von Schnee und Eis,
oder wenn auf Chaussöen grelles Licht und
Baumschatten fortwährend in kurzen Zwi
schenzeiten miteinander abwechseln, Schwin
delanfälle vorkommen. Das vasomotorische
Centrum kann auch durch Druck von Neu
bildungen im Gehirn, z. B. von Cholestatoe-
men, oder von Blutextravasaten nach Ver
letzungen des Schädels, ferner durch De
generation der Gehirnsubstanz nach chroni
scher Gehirnentzündung und Gehirnerwei
chung (fettige Degeneration der Hirnfasern)
und den Genuss von narcotischen und Spiri
tussen Stoffen (Solanum nigrum, Hyoscya-
mus, Seeale cornutum, Lolium temulentum,
Equisetum, Schilfgras, Maische, Schlempe,
Trestern etc.), seltener durch Hautreize (In-
sectenstiche, Ohrkitzel) reflectorisch erregt
werden. Störungen der Blutcirculation inner
halb des kleinen Kreislaufes (chronische
Herz- und Lungenleiden, Herzklappenfehler,
Lungenaneurysmen) und des Pfortadersystems,
Blutstauungen im Gehirn durch stramme
Zäumung, kurze Aufsatzzügel, enge Kehl-
rieme und Kummete, von denen die Hals
venen zusammengepresst werden, das Gehen
im Kreise oder der Transport mit der
Eisenbahn oder zu Schiffe sind weitere Ur
sachen der Schwindelanfälle. Mastige Füt
terung, Vollblütigkeit, wenig Bewegung,
Aufenthalt in dunstigen Stallungen, Ver
dauungsstörungen, schwere Arbeit bis zum
Schweissausbruch und hohe Lufttemperatur
disponiren zu Schwindel, er befällt die
Thiere am meisten im Frühjahr und Som
mer, während sie im Winter ganz davon be
freit sein können. Pferde unter dem Reiter
werden selten vom Schwindel befallen, weil
sie am Reiter und Zügel einen Stützpunkt
finden. Bei vollem Magen oder während des
Fressens aus der Raufe, wobei der Kopf
hochgehoben werden muss, treten bei Pferden
ebenfalls gern Schwindelanfälle ein, am
liebsten bei solchen, welche im mittleren
oder höheren Alter stehen, indess häufiger
bei Pferden gemeiner Rasse als bei solchen
edler Rassen.
Zu Verdauungsstörungen kann Schwindel
symptomatisch hinzutreten, er verschwindet
hier mit den übrigen gastrischen Symptomen
und trägt alsdann nicht die Kriterien eines
bleibenden, unheilbaren redhibitorischen Feh
lers an sich, was auch von den Vergiftungen
mit den genannten Stoffen und den reflec
torisch wirkenden Sinnesreizen gilt.
Bezüglich des symptomatischen Schwin
dels sei hier erwähnt, dass man ihn bei der
Fütterung und Mästung mit Mais- und Wicken
futter, dann auch bei Pferden auf trockenen,
sterilen Sommer-oder Hei bstweiden, auf denen
harte, holzige Gräser wachsen und das Ray-
gras Samen angesetzt hat, als sog. „Weide
schwindel“ beobachtet hat. Die Symptome
sind hier: Verlust an Munterkeit und Fress
lust, Trägheit, Sopor, Hängenlassen des
Kopfes, Aufstützen desselben, Verstopfung
oder unregelmässige Defäcation, nach einigen

Wochen Taumeln, Schwäche, herabhängende
Unterlippe, kleiner Puls, Tod unter Unruhe
und Convulsionen, zuweilen durch Lungen
ödem (s. auch Abdominalschwindel). Die Sec-
tion ergibt: Blutanhäufungen im Gehirn,
Rückenmark und Lungen und trockenen Darm
inhalt, mitunter wässeriges Blut und seröse
Durchfeuchtung des intermusculären Binde
gewebes.
Zeichen von Gehirndruck sind: tief ge
haltener und aufgestützter Kopf, Stupidität,
stierer Blick, unregelmässiges Fressen, auf
getriebener Hinterleib, verlangsamte und tiefe
Respiration, harter Puls, Gehirnreizungen,
Taumeln, Coma und Schwäche. Der periodisch
wiederkehrende Schwindel befällt die Thiere
gewöhnlich während der Bewegung, Pferde
fangen dann an, langsamer zu gehen oder
sie stehen still, schnaufen, flähmen mit den
Lippen, schwitzen, halten Kopf und Hals
nach einer Seite, schütteln und zucken mit
dem Kopfe, zittern, spreizen die Beine aus
einander, taumeln seit- oder rückwärts,
schwanken und stürzen zur Erde, was man
öfter verhindern kann, wenn man den Kopf
festhält. Während des Biegens auf der Erde
schlagen die Thiere mit den Beinen, die Pu
pille erweitert sich, der Blick wird stier,
Puls und Respiration werden frequenter, Be
wusstsein und Gefühl schwinden, mitunter
wird Koth und Harn unwillkürlich abgesetzt,
Hunde erbrechen sich. Das Gehen der Pferde
im langsamen Schritt oder Stillstehen dersel
ben coupirt öfter die Schwindelanfälle, die
überhaupt bereits nach 1—4 Minuten vor
übergehen, woraus der normale Zustand wie
der zurückkehrt, vorausgesetzt, dass die an
Schwindel leidenden Thiere nicht bereits
kraftlos geworden sind und abmagern. Mei
stens repetiren die Anfälle erst nach einigen
Wochen oder Monaten, seltener nach Tagen,
täglich oder noch öfter. Die Heilung von Schwin
del ist nur zu ermöglichen, wenn ihm keine
organische Veränderungen des Gehirns, des
Herzens oder der Lungen zu Grunde liegen.
Der Schwindel ist nicht leicht mit an
deren Krankheiten zu verwechseln; charak
teristische Merkmale sind für ihn das Tau
meln und schnelle Vorübergehen der Er
scheinungen. Epilepsie kann am leichtesten
mit Schwindel verwechselt werden, bei ihm
vermisst man aber Convulsionen Md Krämpfe,
die der Epilepsie eigen sind. Bei Scheu,
Stätigkeit und Dummkoller kommt es nie zu
einem eigentlichen Taumeln oder gar zum
Niederstürzen, hier sind die Störungen in
den Gehirnfunctionen auch nicht schnell vor
übergehende, sondern bleibende. Pferde, denen
infolge stattgehabter Verletzungen und Ver
wundungen der untere Theil der Augenlider
abgerissen ist, so dass ihnen die Augen
wimpern fehlen, stecken gern, wenn ihnen
Wind oder Regen ins Gesicht kommt, den
Kopf zum Schutze der Augen zwischen die
Vorderfüsse, man könnte diese Manipulation
für Schwindel halten, indess taumeln solche
Pferde nie, auch lässt sich die Ursache dieses
sonderbaren Benehmens nachweisen. Rinder

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