Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
PURL:
http://viewer.tiho-hannover.de/viewer/image/PPN671000365/410/
wintert, entwickeln sich im darauffolgenden
Frühjahr langgestielte Keime mit violettrothen
Perithecien, aus welchen zahllose Conidien
(Sporen) entstehen, die durch den Wind auf
die Getreideblüthen weitergetragen werden,
worauf die Entwicklung, wie oben angegeben,
vor sich geht.
Die Frage nach den wirksamen Be
standtheilen ist trotz vieler Untersuchungen
der Drogue noch nicht ganz gelöst. Im Laufe
der Jahre wurden Stoffe dargestellt, die als
Ecbolin, Ergotin, Ergotinsäure, Pikrosclerotin
und Ergotinin bezeichnet wurden. Jetzt hat
man folgende Stoffe festgestellt, welche zwar
chemisch unrein sind, aber bestimmte typische
Wirkungen besitzen.
Cornutin, das frühere Ecbolin, ein
Alkaloid, das als Repräsentant der Haupt
wirkung des Mutterkornes, nämlich der Er
regung von Uteruscontractionen bei
trächtigen wie nichtträchtigen Thieren gelten
kann (Kobert). Es wirkt sonach specifisch
auf das im Lendenmark gelegene Uterus
centrum, ebenso auch auf das Krampf
centrum und das vasomotorische Centrum,
wodurch es zu allgemeinen Muskelkrämpfen,
zu Gefässverengerung im Uterus und übrigen
Körper mit starker Blutdrucksteigerung und
bei grossen Gaben zu Lähmung des Respira
tionscentrums kommt. Das Glykosid
Ergotinsäure (verunreinigte Sclerotin-
säure) ist nur ein die Reflexerregbarkeit
herabsetzendes Narcoticum, das den Uterus
unbehelligt lässt, ebenso erzeugt die
Sphacelinsäure nur in grossen Gaben
Uteruscontractionen, selbst Tetanus und ist
der die Mutterkornvergiftung darstellende
Bestandtheil, d. h. er bewirkt durch Pfropf
bildung in den peripheren Arterienzweigen
trockenen Brand (Sphacelus) bei Mensch
und Thier. Das frühere Ergotin ist ein
unreines Gemenge und das Ergotinin un
giftig. Ausserdem sind noch Bitterstoffe
(Pikrosclerotin), Farbstoffe (Sclererythrin und
Sclerojodin), Schleimstoffe (Mycose, Sclero-
mucin) enthalten, die unwesentlich sind,
ebenso Cholin, das bei der Zersetzung das
übelriechende Trimethylamin bildet. Officinell
sind>
1. Seeale cornutum, Mutterkorn.
Zur Anwendung soll es stets frisch pulverisirt
werden und darf nur das Mycelium vom
Roggen genommen werden; es soll nicht
über ein Jahr aufbewahrt werden.
2. Extractum Seealis cornuti,
Mutterkornextra ct, dicklich, rothbraun,
in Wasser löslich, durch Maceriren des
Pulvers, Eindampfen und Vermischen mit
Spiritus dilutus gewonnen.
3. Extractum Seealis cornuti flui-
dum. Flüssiges Mutterkornextract,
bereitet durch Percoliren von 100 Pulver
mit 25 Spiritus dilutus und 6 verdünnter
Salzsäure (Ph. G. und A ). Andere Extracte
sind nicht officinell und führen auch den
Namen „Ergotin“.
Anwendung finden genannte Präparate
sowohl bei Geburten und mangelhafter

Wehenthätigkeit oder zu schwachen Nach
wehen, als auch gegen Blutungen innerer
Organe als Gefässcontrahens, seltener
gegen Blasen- und Darmparese. Man gibt
das Pulver für sich in Pillen oder mit
Zucker, Zimmt in der Dosis für Pferde zu
15—25 g, Rindern 25—50 g, Schafen und
Schweinen 2—10 g, Hunden 0'5—2'0 g; das
Extract Pferden und Rindern zu 5—10 g,
Schafen 2—5 g, Schweinen 0'5—2 0 g, Hun
den 0 2—10 g in Pillen oder subcut an in
derselben Dosis. Infuse sind weniger zweck
mässig.
Mutterkornvergiftung, Ergotismus,
kommt durch Getreide und deren Mehle
(auch Gerste, Weizen, Hafer) nicht selten
bei Thier und Mensch vor, ebenso auch
durch andere Cerealien, welche von dem
Dauermycel betroffen und verfüttert werden,
wie die Cyperaceen (Cypergräser, Wollgräser,
Binsen, Riedgräser, Seggen), dann Glycerin,
Poa, Dactylis, Lolium, Phleum, Anthoxanthum,
Bromus, Alopecurus u. A. Das Krankheits
bild ist gekennzeichnet durch Muskelkrämpfe,
Schwindel mit Erbrechen, Kolik, Durchfall
und enteritische Zufälle, zu denen sich bei
trächtigen Thieren Wehen, Gebärmuttervorfall
und Abortus gesellen. In chronischen Fällen
kommt es auch zu Mumification von extremi-
talen Körpertheilen (Kriebelkrankheit),
Gangrän der Ohren, der Schweifspitze, der
Zitzen oder Klauen, Kehllappen, Epiglottis
u. s. w., Anschwellung, Eiterung und Absterben
derselben (Ergotismus sphacelosus), im wei
teren Verlaufe auch zu grauem Staar, Tau
meln, Somnolenz und paralytischen Zustän
den. Die eigentliche Ursache der Intoxication
besteht in der Bildung hyaliner Pfröpfe in
den peripheren Arterienästen. Die Behand
lung besteht in der Verabreichung von
krampfstillenden und ge fässerweiternden
Mitteln (Morphin und Chloralhydrat) und
kann auch Tannin als Antidot gelten. Die
entzündlichen Reizungen des Verdau ungs-
tractes werden nach allgemeinen, die
gangränescirenden Theile nach antiseptischen
chirurgischen Regeln behandelt. Der Nach
weis des Claviceps im Getreide, im Heu
geschieht leicht durch Auffinden der bläulich
schwarzen Pilzkörner. Im Mehl findet man
durch das Mikroskop langgestreckte, violette
Zellen und entwickelt sich beim Erwärmen
auf Zusatz von Kalilauge ein Geruch nach
Herinsglacke (Trimethylamin). Vogel.
Secondat J. B. gab 1775 ein „Mdmoire
sur les maladies pestilentielles des boeufs“
heraus. Semmer.
Secrete und Seoretionen. Unter Secreten
im weitesten Sinne versteht man alle Aus
scheidungen aus den thierischen Geweben
und Flüssigkeiten. Sonach ist die gasförmige
Kohlensäure ebensowohl ein Secret wie die
sich abschilfernden Hautschuppen, wie die
ausfallenden Haare, wie der flüssige Schweiss
u. s. w. Fasst man den Begriff etwas enger,
dann bezeichnet man nur die flüssigen Aus
scheidungen des Körpers, resp. des Blutes
als Secrete. Die flüssigen Ausscheidungen

Anschrift

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Hochschulbibliothek
Bünteweg 2
30559 Hannover
Kontakt

Tel.: +49 511 953-7100
Fax: +49 511 953-7119

E-Mail senden


Datenschutzerklärung

Partner

:
version: intranda viewer - a0c7c66