Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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erkrankung“, besonders „Sehnenentzün
dung“ häufiger, als es sich rechtfertigen
lässt, denn in sehr vielen Fällen leiden le
diglich die sog. Sehnenscheiden (Syno
vialscheiden, Vaginae tendinum synoviales),
die Sehnen selbst werden aber nicht selten
dadurch in Mitleidenschaft gezogen, so dass
Sehnen- und Sehnenscheidenentzün
dung in häufigen Fällen gleichzeitig
miteinander vorkommen. Es erscheint
mir deshalb gerechtfertigt, hier zugleich von
den Sehnen- und Sehnenscheidenkrankheiten
zu sprechen und wir können dieses umso
eher, als das gefässarme Sehnengewebe zu
primären Veränderungen wenig geneigt ist.
Bevor ich jedoch über Sehnen- und
Sehnenscheidenkrankheiten berichte, möchte
ich zunächst darauf aufmerksam machen,
dass nicht alle Sehnen mit Scheiden um
geben sind, dass die Scheiden aus einer
serösen Platte, der Innenhaut (Membrana
synovialis) bestehen, welche eine Duplicatur
bildet (Mesotenon von jis'oo;, mitten, und
tevmv, Sehne), die von der Scheide zur
Sehne überspringt und alsdann die Sehne
überzieht. Das Mesotenon ist aber nicht als
eine seröse, plattenartige Duplicatur nach
zuweisen, sondern man findet wegen viel
facher Zerreissung (Fensterung) dieser Platte
hauptsächlich nur fadenförmige Bildungen,
welche den Zusammenhang des parietalen
mit dem visceralen Blatte der Synovialscheide
herstellen und die Blutgefässe etc., die von
der Scheide zur Sehne überspringen, umgeben.
Diese Synovialscheiden werden noch von
einer starken fibrösen Hülle umschlossen,
welche in Form einzelner Ligamente (Haft
bänder, Bingbänder, Querbänder) aus den
die Sehnen umgebenden Fascien hervor
gehen und sich an hervorragenden Knochen
punkten inseriren. Diese fibrösen Scheiden
sind immer unvollkommen, lassen einzelne
Theile der serösen Scheide und namentlich
deren Enden frei. Sie dienen dazu, die
Sehnen und deren Scheiden in der gehörigen
Lage zu erhalten.
Als Sehnen- und Sehnenscheidenkrank
heiten gelten besonders die Entzündung, der
Brand, die Eiterung, die Luxation, die Gal
len, der Stelzfuss, der Sehnenklapp, Wunden
und Zerreissungen der Sehnen. Pßttg.
Sehnen- und Sehnenscheidenwunden kom
men bei unseren Hausthieren, besonders den
Pferden, nicht selten vor; meistentheils sind
es die Streck- und Beugesehnen des Fasses,
welche durch Stich, Schnitt, Schuss etc. ver
letzt werden. Bei Sehnen, die mit Scheiden
umgeben sind, wird häufig allein nur die
Scheide verletzt. Die Erscheinungen sind sehr
verschieden, je nach Art und Ort der Ver
letzung und je nachdem, ob die Verletzung
frisch oder älter ist. Häufige Verwundungen
geschehen z. B- durch Nageltritte, und ist
in diesen Fällen gewöhnlich nicht allein die
Hufbeinbeugesehne, sondern nicht selten
auch das Hufgelenk verletzt; eine andere
Verletzung ist die des Zehenstreckers an
der Krone der Zehenwand durch Krontritte.

Diese Verletzungen sind so eigenthümlicher
Art, dass sie als Nageltritte und Kronen
tritte besonders abgehandelt werden müssen.
Durch Mistgabeln, Eggenzinken, Holzsplitter
u. dgl. können Stichwunden vorkommen.
Kleine Stichwunden sind wegen des
engen Stichcanals schwer zu ermitteln. An
fänglich ist der Schmerz unbedeutend, bis
zum anderen Tag wird dieser aber heftig,
eine merkliche sehr heisse Geschwulst stellt
sich ein und aus der Wunde Liesst Sehnen
scheidenflüssigkeit. Nach einigen Tagen er
scheint ein eitriges, dann jauchiges Exsudat.
Die eiterige Entzündung wird gerne pro
gredient, die Phlegmone der Umgebung
nimmt zu, und Gefahr für das Leben des
Thieres kann eintreten. Fieber, Tetanus!
Ebenso häufig wie Stichwunden sind"
Schnittwunden durch Wirkmesser, scharfe
Bleche, Glasscherben, Sensen u. s. f. Der
Schnitt kann die Scheide allein treffen oder
es kann die Sehne angeschnitten oder durch
schnitten sein, es können auch gleichzeitig
mehrere nebeneinanderliegende Sehnen ver
letzt, resp. durchschnitten sein.
Die totale Durchsehreidung einer Sehne
gibt sich sofort durch Functionsstörung des
zugehörigen Muskels, z. B. Lahmen, zu er
kennen. Die Sehnenenden contrahiren sich
und ein klaffender Defect entsteht; durch
Sonde oder mit dem desinficirten Finger,
selbst mit dem Auge kann man sich von
diesem Zustande überzeugen. Aus den geöff
neten Sehnenscheiden Liesst synoviaartige
Flüssigkeit, die auf der Haut gerinnt. Bald
stellt sich Eiterung ein. die in gleicher Weise,
wie oben gesagt, gefährlich werden kann.
Aus den angedeuteten Gründen muss die
Prognosis zweifelhaft gestellt werden.
Sehnenwunden können wieder heilen, wenn
die Wunde rechtzeitig gereinigt, desinficirt
und zweckmässig behandelt wird, wenn die
Wunde mit scharfen Instrumenten (Tenotomie)
gesetzt wurde, die Hautwunde nicht gross
ist und keine schweren Complicationen
(Quetschung) vorgekommen sind.
Durchschneidungen der Beugesehnen sind
bei Rindvieh ungünstiger zu beurtheilen
wie bei Pferden. Wunden der Sehnen
scheiden sind günstiger zu beurtheilen wie
Verletzungen der Sehnen, insbesondere sol
cher, die mit einer Scheide umgeben sind.
Nach Durchschneidung der Beuge
sehnen des Fusses treten die Thiere stärker
durch; nach Durch sehn ei düng des Zehen
streckers sieht man die Sehnenenden, die
Streckung der Zehe ist erschwert, deshalb
stolpern die Thiere, schleifen die Zehe nach,
überköthen; Prognosis jedoch günstiger
wie bei Trennung der Beugesehnen. Bei
Schnittwunden verdicken sich die Wund
ränder, es entsteht eine üppige Granulation
und die Sehne schwillt an. Im Verlaufe können
die durchschnittenen Sehnen durch eine vom
benachbarten Bindegewebe, von Sehne und
Sehnenscheide ausgehende Gewebsneubil
dung heilen und die Integrität der Sehne etc.
kann hergestellt werden. Wird die Heilung

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