Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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festigkeit. 2. Ätiologisch: der genannte
Unterschied im Verhalten der Gewebe rührt
von der Verschiedenheit des Verhältnisses
zwischen festen und flüssigen Theilen her.
Die Gewebe Verweichlichter haben einen re
lativ höheren Wassergehalt als die Ab
gehärteter, von letzteren sagt man auch, sie
haben „trockenere Fasern“. 3. In relativer
Richtung, d. h. wie und warum verursacht
höherer Wassergehalt der Gewebe eine ge
ringere Widerstandsfähigkeit gegen Infection?
Das hat mehrere Seiten, a) Weiche Gewebe
besitzen eine geringere Lebensenergie, also
ist ihre active Vertheidigungsfähigkeit gegen
pathogene Schmarotzer geringer, b) Der Um
stand, dass weiche wasserhaltige Gewebe auch
im todten Zustand der Fäulnisszersetzung
rascher anheimfallen als trockenere feste,
weist auch auf eine geringere passive
Widerstandsfähigkeit, d. h. grössere Zersetz
barkeit der Eiweisskörper hin. c) Durch
Nägeli wurde festgestellt, dass die patho
genen Schmarotzer auch in todten Flüssig
keiten dann besser gedeihen, wenn ihr Gehalt
an gelösten Stoffen ab-, d. h. ihr Wassergehalt
zunimmt, und dass oft geringe Unterschiede
im Goncentrationsgrad genügen, um hei dem
Wettbewerb zweier verschiedener Arten von
Fermentorganismen den Sieg dem einen oder
anderen zufallen zu lassen. Letzterer Fall
liegt nun bei der Infection vor: die lebendige
Gewebszelle und der pathogene Schmarotzer
stehen im Wettbewerb um die in den Ge-
webssäften vorhandenen Nährstoffe; Zunahme
des Wassergehaltes benachtheiligtdie Gewebs
zelle und stärkt den Schmarotzer, Abnahme
des Wassergehaltes dreht die Chancen um.
4. In praktischer Richtung wird auf die
Thatsache hingewiesen, dass einmal alle ab
sichtlichen oder unabsichtlichen Massnahmen,
welche bei den Lebewesen den Wassergehalt
notorisch vermindern, z. B. die Trainirung
bei den Pferden und Menschen, deren Wider
standsfähigkeit gegen Infection erhöhen, und
umgekehrt alle, welche eine Steigerung des
Wassergehaltes verursachen, ebenso notorisch
gesundheitsschädigend sind. — Neuere For
schungen, insbesondere die über Selbst
gifte (s. d.) gestatten nun, das Obigein mehr
facher Richtung zu ergänzen. 1. In causaler
Richtung wurde ermittelt: Die Lebewesen
vertheidigen sich gegen Giftstoffe (Fremd-
und Selbstgifte) in zweifacher Weise, einmal
durch Ausscheidung, dann aber — und
das geschieht ganz besonders in höherem
Masse, wenn die Ausscheidung auf Hinder
nisse stösst— durch den Process der Gewöh
nung. Dieser besteht darin, dass das lebendige
Eiweiss einen gewissen Theil dieser Stoffe
in seinem Molecül flxirt, aber nicht definitiv
und unwiderruflich, sondern in der Form der
Aufspeicherung, so dass die Stoffe später
wieder frei werden können. Die unmittelbare
Folge dieser Aufspeicherung ist eine Steige
rung der Quellbarkeit der lebendigen
Substanz, d. h. sie hält ceteris paribus eine
grössere Menge von Quellungswasser fest und
das führt nicht bloss zur Verweichlichung,

sondern bewirkt auch, dass diese sich mit
einer gewissen Hartnäckigkeit behauptet.
2. In Bezug auf die Consequenz ergab
sich: Wenn seitens pathogener Schmarotzer
ein Angriff auf verweichlichte Gewebe ge
macht wird, so ist nicht bloss der Zustand
der Verweichlichung an sich eine Gefahr,
sondern auch die Anwesenheit der aufgespei
cherten Giftstoffe, denn für diese bildet der
Angriff ein auslösendes Moment, sie
werden frei und treten nun in dem Quel
lungswasser und den circulirenden Säften mit
ihrer Giftwirkung auf, d. h. sie lähmen die
Energie der Vertheidigung. Damit ist aber
wahrscheinlich noch nicht Alles gesagt, es
ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass die
frei gewordenen Stoffe, namentlich wenn es
Selbstgifte sind, entweder als Nahrung oder
als adäquate Reizmittel einen förderlichen
Einfluss auf die pathogenen Schmarotzer
haben. Man spricht bei der Lehre von der
Infection von „geeignetem Nährboden“. Nach
dem Obigen bestände die „Eignung“ in einem
zu grossen Wassergehalt und in der Anwesen
heit aufgespeicherter Giftstoffe, die wohl meist
Selbstgifte sind. Je grösser die Menge dieser
beiden Stoffgruppen in einem Lebewesen,
resp. seinen Geweben, desto geringer ist seine
Seuchenfestigkeit, und diese steigt in dem
Masse, als die Menge jener Stoffe abnimmt.
Mit dieser Auffassung harmoniren auch die
statistischen Thatsachen bezüglich der Häu
figkeit der Infectionskrankheiten, z. B. nur
bei den Hausthieren die unbestrittene That
sache, dass Einstallung die Seuchenfestigkeit
vermindert, und umgekehrt dass sie steigt,
wenn man die Stallthiere auf die Weide oder
in Koppeln bringt. Jäger.
Seuchengang. Derselbe ist ein verschie
dener, je nach den einzelnen Seuchen, den
Verkehrsverhältnissen und den in Anwendung
gebrachten polizeilichen Massregeln. Viele
Seuchen nehmen ihren Gang in der Regel
von Osten nach Westen und kommen stets
aus Asien nach Europa, so z. B. die Rinder
pest, die Hühnercholera, die Maul- und
Klauenseuche, die Influenza. Andere Seuchen,
die sich sozusagen in Europa eingebürgert
haben, nehmen einen ganz unregelmässigen
Gang und können umgekehrt von Westen
nach Osten vorschreiten, wie die Lungen
seuche, die Schafpocken, der Schweineroth
lauf, die Staupe, der Rotz u. a.
Der Infectionsgang und die Propagations
weise der einzelnen Seuchen in einer Heerde
oder Ortschaft ist je nach der mehr oder
weniger grossen Flüchtigkeit des Contagiums
oder massenhaften Einwirkung eines Miasmas
ein verschiedener. Während die Maulseuche
und Influenza sich schnell über ganze Heer-
den und Ortschaften ausbreiten, ist die Ver
breitung bei der Rinderpest, den Schafpocken,
der Hühnercholera, dem Rothlauf, der Druse,
Hundswuth, Staupe, Lungenseuche, dem
Milzbrand, der Räude, dem bösartigen Katar
rhalfieber, der Ruhr eine langsamere, unregel
mässigere. Noch langsamer ist die Verbreitung
der chronischen Infectionskrankheiten, des

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