Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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Dies bewirkt, dass die Geschmacksempfin
dung massiver ist als die Geruchs
empfindung. Noch ein anderer Unterschied
zwischen Riechen und Schmecken wird durch
die Situation beider Organe bedingt. Der Ge
schmackssinn reagirt viel stärker auf Imbi
bition von innen her durch endogene Stoffe,
als der Geruchssinn, also durch subjective
Geschmacksempfindung. So hat man nicht
bloss nach der Nahrungsaufnahme sehr lange
den specifischen Geschmack derselben im
Munde, sondern alle Krankheitszustände sind
mit einem specifischen Mundgeschmack ver
bunden, der allerdings theilweise von der
Anwesenheit specifischer Schmarotzer in der
Mundhöhle herrührt, aber wie Beobachtung
und Versuch lehren, auch eine Folge von
Imprägnation der Schmecknerven durch endo
gene Krankheitsstoffe ist. Beim Geruchssinn
fehlt diese subjective Leistung nicht, sie ist
aber entschieden weniger ausgebildet, schon
weil seine Thätigkeit überhaupt eine mehr
nach aussen gerichtete ist, dann weil diese
Stoffe mit der Ausdünstung in die Atmo
sphäre und so wieder von aussen auf die
Riechfläche kommen, also auch als von
aussen kommend gedeutet werden, d) Be
züglich der sachlichen Differenzirung
von Riechen und Schmecken gilt Folgendes:
Von einer solchen kann natürlich erst bei
solchen Thieren die Rede sein, bei welchen
überhaupt differenzirte Riech- und Schmeck
organe vorhanden sind, und bei luftlebenden
Thieren, wo auf das Thier zweierlei Medien
wirken: ein gasförmiges und ein tropfbar
flüssiges. Hier ist nun klar, dass solche Stoffe,
die sich leicht in der Luft verflüchtigen, vor
zugsweise Object des Geruchssinns sind,
während die Domäne des Geschmackssinns
die schwerer flüchtigen, aber leicht löslichen
sind.
III. Quantitatives der Empfindungen:
Dem, was in Nr. I hierüber gesagt wurde,
ist noch Folgendes beizufügen: 1. Die Stärke
der Empfindung wächst mit der vom Reiz
getroffenen Fläche. Dies ist am deutlich
sten beim Hautsinn ausgesprochen: je
grösser die getroffene Fläche, desto stärker
die Empfindung. Von den Specialsinnen ist
es das Auge, bei dem die räumliche Aus
dehnung der Reizwirkung stark zur Geltung
kommt. Je grösser das Bild eines Objectes
auf der Netzhaut, umso stärker der Ein
druck. Bei dem Gehörorgan tritt dieser Factor
in den Hintergrund, denn ein Ton kann
immer nur die auf ihn gestimmten Corti’schen
Fasern erregen und deshalb ist eine räum
liche Verschiedenheit der Reizfläche erst
möglich, wenn Töne verschiedener Ton
höhen zusammenkommen. Bei der Ge
schmacksempfindung kommt die Aus
dehnung dagegen wieder sehr in Betracht,
desswegen treffen wir Vorrichtungen und
Thätigkeiten, die die Ausbreitung der Schmeck
stoffe über die ganze Schmeckfläche herbei
führen, um die Stärke der Empfindung zu
steigern. Aehnliches bewirkt das Schnüffeln
bei den Riechorganen, aber hier kommt na

mentlich noch eine stabile Einrichtung hin"
zu: Die Feinheit der Geruchsempfindung
bei einer Thierart steht in geradem Verhält
nise zur relativen Oberflächenentwicklung der
Riechhaut. In Bezug auf diese zeigen die
verschiedenen Thierarten sehr grosse Ver
schiedenheiten; namentlich ist hier bemer
ken s werth, dass der Mensch durch eine relativ
kleine Riechfläche sich sehr unvorteilhaft von
den meisten Säugetieren unterscheidet; denn
Wiederkäuer und Raubthiere haben ihm ge
genüber ausserordentlich grosse Riechflächen.
2. Ein weiterer quantitativer Factor ist
die Abstumpfung, der alle Sinne unter
worfen sind und die darin besteht, dass ein
Reiz seine stärkste Wirkung beim Beginne
der Reizung erzielt und von hier an eine
allmälige Abnahme der Empfindungsstärke
auch dann eintritt, wenn die Reizstärke keine
Aenderung erfährt. Es kann dies bis zu
völligem Aufhören der Empfindung sich
steigern. Die Erklärung hat die beiden Ge
biete der Sinnesempfindungen, das physika
lische und das chemische auseinander zu
halten, a) Auf physikalischem Gebiete
liegt die Sache so. Der Reiz ist eine Be
wegung und diese wird einen Körper dann
mit voller Stärke treffen, wenn er ruht. So
bald aber der Körper selbst in Bewegung ist,
so wird es zunächst von der Richtung bei
der Bewegungen abhängen, welches der Effect
ist: Bewegen sich beide gegen einander, so
addiren sie sich zu einem Maximaleffect;
weicht die eine der andern aus, so nimmt
der Effect ab und endlich ist der Effect
gleich Null, wenn beide Bewegungen so gleich
artig sind, dass nie mehr ein Contact statt
findet, also z. B. bei zwei nebeneinander
ganz gleichmässig und gleichsinnig schwin
genden Pendeln. Das trifft nun bei all den
Reizen ein, die Schwingungen sind, wie Licht,
Schall und Wärme. Da die empfindenden
Theile der Sinnesorgane mobil, d. h. fähig
sind, selbst in Schwingung zu gerathen, so
wird die Empfindung aufhören, sobald ihre
Eigenschwingungen mit denen des Reizes so
synchron sind, wie die zweier gleichlanger
Pendel, die gleichsinnig und gleichzeitig
schwingen. Am klarsten liegt die Sache
bei der Wärme. Sobald das empfindende
Organ die gleiche Temperatur angenommen
hat, wie das betreffende Object, so hört die
Temperaturempfindung auf, und ähnlich ist
es bei aller physikalischen Empfindung. Diese
Abstumpfung gilt aber nur so lange, als der
Reiz der gleiche bleibt, also bei monotonen
Reizen, sobald dagegen der Reiz variirt, hat
sie ein Ende, weil die beiderlei Bewegungen
sich nicht mehr ausweichen, sondern colli-
diren. b) Bei den chemischen Empfindun
gen spielt die Abstumpfung eine fast noch
grössere Rolle, hat aber andere Ursachen. Hier
handelt es sich darum, dass die Riech- und
Schmeckstoffe infolge ihrer meist sehr grossen
Diffusionsfähigkeit die Nerven schliesslich
vollständig und gleichmässig durchtränken
und so allmälig auch ein Zustand eintritt,
bei dem es heisst: Gleich auf gleich

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