Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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Mialhe hatte gelehrt, dass die Wirkung
des Speichels darin bestehe, dass er die
Stärke zuerst in Dextrin und dann dieses in
Zucker umwandle. Diese Lehre wurde längere
Zeit von allen Physiologen als richtig aner
kannt, bis Musculus 1860 bewies, dass
Dextrin und Zucker nicht nacheinander, sondern
nebeneinander ent- und bestehen, und dass
die Speichelwirkung wahrscheinlich in einer
Unterwasseraufnahme erfolgenden Spaltung
der Stärke in Dextrin und Zucker beruhe.
Weitere Untersuchungen ergaben, dass
sich bei der Diastase-, resp. Ptyalinwirkung
noch verschiedene andere Körper als Ueber-
gangsproducte bilden. Diese Untersuchungen
sind zwar noch nicht abgeschlossen; es ist
aber jetzt schon sicher anzunehmen, dass die
früher als Erythrodextrin u. s. w. geschilderten
Stoffe keine reinen chemischen Körper, son
dern nur Gemenge sind. Empirisch steht
Folgendes fest: Bei der Stärkeverdauung
geht die unlösliche, rohe oder gekochte Stärke,
welche bei Jodzusatz eine körnige Planung
wahrnehmen lässt, in eine lösliche Modification
über, welche bei Jodzusatz eine gleich
mässige Blaufärbung ergibt. Man nennt
diesen durch Tannin und Alkohol fällbaren
Körper: lösliche Stärke, Amilodextrin,
Amidulin oder Amylogen. Bei län gererFerment
wirkung verschwindet dieser Körper, was man
daraus ersieht, dass Tannin keinen Mieder-
schlag mehr gibt. Dabei geht die Stärkelösung
bald in eine derartige weitere Veränderung
ein, dass sich das Verdauungsgemisch mit
verdünnter Jodlösung roth färbt. Man glaubte,
dass der sich rothfärbende, durch Alkohol
fällbare Stoff ein besonderer Körper sei,
und nannte ihn Erythrodextrin, Dextrin I,
Dextrin a. Nebenher kommt in dem Ver
dauungsgemisch schon Zucker vor. Nach
einiger Zeit verschwindet die Erythrodextrin-
reaction. Das nun vorhandene Verdauungs
gemisch, welches keine Jodreaction mehr
gibt, besteht mindestens aus zwei Körpern
als den Endproducten der Amylolyse, nämlich
aus einer auf Jod nicht reagirenden Dextrin-
und einer Kupferoxyd reducirenden Zuckerart,
welche beiden Körpern durch das diastatische
Speichelferment nicht mehr umgewandelt
werden können. Das Dextrin ist Achroo-
dextrin, Dextrin II, Dextrin ß, genannt
worden. Der entstandene Zucker wurde
früher für Traubenzucker (Glycose, Dextrose)
gehalten. Später wurde aber dargethan, dass
zwar vielleicht etwas Traubenzucker entsteht,
dass aber der grösste Theil des sich bilden
den Zuckers eine andere Zuckerart, der
Speichelzucker, ist, der mit der Malte so
(C M H„0 lt -f- H a o) identisch, oder ein ganz
besonderer Körper ist, die Ptyalose, die
ein geringeres Reductionsvermögen für Kupfer
als der Traubenzucker hat (100 Maltose
reduciren so viel Kupferoxyd als 65—66
Traubenzucker).
Aus den obigen Darlegungen ergibt sich,
dass der Speichel die Stärke in Achroodextrin
und Zucker (Maltose s. Ptyalose) spaltet,
dass also die verdauende Wirkung des Spei

chels darin besteht, dass er die unlösliche
Stärke in lösliche und diffusible Nähr
stoffe umwandelt. Im Magen und Darm geht
ein erheblicher Theil des entstandenen Zuckers
und Dextrins sehr rasch in Milchsäure über,
so dass man z. B. oft in den Vormägen der
Wiederkäuer, woselbst diese Gährung ausser
ordentlich rasch erfolgt, viel Milchsäure, aber
wenig oder gar keinen Zucker findet.
Schnelligkeit der Amylolyse. In
Gemischen von Kleister und gut wirksamem
gemischten Speichel findet man schon nach
’/ 4 —Vs Minute Digestionszeit Zucker. Die
Wirkung des Speichels auf Kleister ist also
eine augenblickliche. Amidulin entsteht im
Momente der Mischung. In stärkemehlhaltigen
rohen Nahrungsmitteln findet man bei Spei
cheleinwirkung nach 2—3 Minuten Zucker.
Wir verabreichten Pferden, deren Schlund
durchschnitten worden war, rohe zuckerfreie
Kartoffeln oder zuckerfreien Hafer und fingen
die gekauten, eingespeichelten und abge
schluckten Massen aus dem Schlunde auf.
Zunächst waren dieselben noch zuckerfrei;
nach 1-2 Minuten langem Stehen waren sie
zuckerhaltig.
Die käufliche, rohe Stärke wird im
Verdauungsofen durch Speichel nur schwer
und erst spät (nach %—1 Stunde) umge
wandelt.
Wirkung der einzelnen Speichel
arten. Der Gesammtspeichel unserer
Hausthiere wirkt bedeutend kräftiger, als die
einzelnen Speichelarten für sich. Ebenso
wirkt eine künstlich hergestellte Mischung
der einzelnen Speichelarten und der isolirt
dargestellten Extracte der Speicheldrüsen
schwächer als der natürliche gemischte
Speichel, aber stärker als jede einzelne Spei
chelart oder jedes einzelne Extract.
In Bezug auf die Wirkung der Secrete
der einzelnen Speicheldrüsen herrscht
nach unseren Untersuchungen grosse Incon-
stanz; jedoch möchten wir die Parotis im
Allgemeinen als die fermentreichste und die
Orbitalis des Hundes als die fermentärmste,
wenn nicht fermentfreie Drüse bezeichnen.
Die Speicheldrüsen besitzen das sacchari-
ficirende Ferment in so erheblich grösserer
Menge als, abgesehen von der Leber und
dem Pancreas, die übrigen Gewebe und Or
gane des Thierkörpers, dass sie ganz zweifel
los als specielle Producenten desselben auf
gefasst werden müssen (s. oben).
Verschiedenheiten der Speichel
wirkung nach der Thierart. Der Grad
des saccharificirenden Vermögens des ge
mischten Speichels sowohl als der einzelnen
Speichelarten ist nach der Thierart sehr ver
schieden. Der Speichel des Menschen wirkt
sehr stark amylolytisch, dann folgen Schwein,
Hund, Schaf, Pferd, Rind. Unter den
Hausthieren liefert das Schwein den bei
weitem am besten saccharificirenden Speichel.
Schon der Speichel neugeborener
Thiere besitzt ein saccharificirendes Vermögen.
Verschiedenheiten nach der Se-
cretionszeit. Der früh Morgens und zu

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