Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
PURL:
http://viewer.tiho-hannover.de/viewer/image/PPN671000365/574/
Beginn einer Mahlzeit secemirte Speichel
ist wirksamer als der später secemirte, so
dass bei einer langen Mahlzeit der Speichel
sogar fermentfrei werden kann.
Verhalten des Speichelfermentes
zu Säuren. Wir fanden, dass ganz geringe
Mengen Säuren die diastatische Speichel
wirkung nicht hindern, sondern im Gegen
theile etwas steigern. Stärkere Ansäuerung
hemmt, resp. mindert die Speichelwirkung
oder hebt sie ganz auf; organische Säuren
wirken viel weniger schädlich als anorganische.
Salzsäure hemmt die Amylolyse schon bei
0 OL"/, und hebt sie bei 0 01—0'05°/„ voll
ständig auf. Milchsäure kann in mehr als
10-, ja LOfacher Menge der angegebenen Salz-
säureconcentration zugegen sein, ehe sie die
Fermentation beeinträchtigt oder aufhebt.
Im Magensaste und in der Magenflüssig-
keit kann der Säuregrad ein höherer sein als
im Wasser, ehe er die Fermentation hindert.
Die Angabe von Bidder und Schmidt,
dass der Speichel im Magen wirkungslos sei,
ist falsch. Die Gegenwart von Eiweisskörpern,
von Pepsin und Pepton setzt die schädliche
Einwirkung der Säuren herab. Peptonhaltige
Salzsäure wirkt auf das Ptyalin viel milder
als reine Salzsäure, ja beinahe so mild ein,
wie reine Milchsäure. Es kann mithin im
Magen schon eine stark saure Reaction zu
gegen sein, ohne dass die Stärkeverdauung
(durch den Speichel) aufgehoben wird.
Verhalten zu verschiedenen Tem
peraturgraden. Am besten wirkt der
Speichel bei der normalen Bluttemperatur;
bei sehr niederen und sehr hohen Tempera
turen verlangsamt sich und erlischt die
Speichel Wirkung; bei —J— 60—66® C. wird das
Ferment wirkungslos; durch eine Temperatur
von 73° und natürlich auch durch Kochen
wird es zerstört. Beim Sinken der Temperatur
unter -)- 30° C. wird die Speichelwirkung
verlangsamt, u. zw. umsomehr, je mehr die
Temperatur sinkt, so dass z. B. bei 15° C.
die doppelte, bei 1° die lOfache Zeit ver
streicht, ehe eine gleiche Menge Stärkekleister
verdaut wird, als bei einer Temperatur von
40° C.
Zum Schlüsse sei noch erwähnt, dass
die in den Nahrungsmitteln enthaltene Stärke
im Verdauungsschlauche, auch ohne dass
fermenthaltiger Speichel zur Nahrung gelangt,
verdaut werden kann und verdaut wird, u. zw.
durch Luft- und Nahrungsfermente, durch den
Pancreas- und Darmsaft und die Galle. Auch
sei noch bemerkt, dass die im Munde an den
Zähnen sich entwickelnden Mikroorganismen
diastatische Eigenschaften besitzen.
B. Die mechanische Wirkung des
Speichels. Neben der amylolytischen Fer
mentwirkung besitzt der Speichel noch wich
tige mechanische Wirkungen. Er extrahirt
die Salze und sonstige lösliche Nährstoffe
aus den Nahrungsmitteln und ist zum Kauen,
zum Schmecken, zum Schlingen und zum
Wiederkauen durchaus nothwendig. Er soll
besser lösend wirken als Wasser; er feuchtet
die trockenen Nahrungsmittel an, hüllt sie

ein und macht sie schlüpfrig; dadurch er
leichtert er das Kauen und ermöglicht das
Schlingen. Bei den Wiederkäuern hält er den
Inhalt der Vormägen, namentlich den des
Psalters, feucht und macht ihn zum Wieder
kauen, besonders zum Rejiciren, geeignet.
Die mechanische Speichelwirkung ist also
offenbar sehr wichtig. Dies ergibt sich schon
aus der Thatsache, dass die Speicheldrüsen
beim Kauen der rauhen Nahrung der Pferde
und Wiederkäuer sehr lange thätig sein und
so enorme Quantitäten Speichel secerniren
müssen, dass der Speichel nur sehr wenig
Ferment enthalten und sonach bezüglich
seiner fermentirenden Eigenschaften nicht in
Betracht kommen kann. Auch die vergleichende
Anatomie beweist die Wichtigkeit der
mechanischen Wirkung des Speichels.
Diejenigen Thiere, welche rauhe und trockene
Nahrung gemessen, haben die bestentwickelten
Speicheldrüsen; Thiere, deren Nahrung feucht
und weich ist, haben kleine und Thiere, die
im Wasser leben, in der Regel gar keine
Speicheldrüsen, selbst wenn ihre Nahrung
Stärke enthält. Es ist ferner bekannt, dass
über die Menge des bei der Mahlzeit secer-
nirten Speichels nicht der Gehalt derselben
an Stärkemehl, sondern die Trockenheit und
Rauhigkeit der Nahrung entscheidet, und
dass bei der Wasseraufnahme gar kein Speichel
secernirt wird.
Beim Sistiren der Speichelsecretion
wird das Kauen, die Bissenbildung und das
Schlingen trockener Nahrungsmittel derart
erschwert oder so unmöglich, dass die Bissen
im Schlunde stecken bleiben, wie ich dies
bei Behandlung der Thiere mit Atropin beob
achtet habe. Beim verringerten Speichel
zufluss ist das Schlingen verlangsamt.
Neben dem Durchfeuchten dient der
Speichel auch zum Einhüllen und Schlüpfrig
machen der Nahrung, wodurch er die Schleim
haut vor Läsionen schützt und das Schlingen
erleichtert. Das Einhüllen der Nahrungsmittel
geschieht zum Theil auch durch das Secret
der Mandel-, der Zungenbalg-, der Zungen
grund-, der Pharynx- und der Oesophageal-
drüsen.
Der Speichel hat weiterhin noch den
Nutzen, dass er die Mundhöhle rein spült
und die Speisereste entfernt. Bleiben trotzdem
Speisereste zurück und verfallen sie der
Gährung, dann hindert der alkalische
Speichel die nachtheiligen Einwirkungen der
Gährungssäuren auf die Zähne.
C. Etwaige sonstige Wirkungen
des Speichels. 1. Die Einwirkung der
verschiedenen Speichelarten auf Ei-
weiss, Fibrin und Casein. Die Experimente
ergaben, dass nur der gemischte Speichel
des Pferdes und das Parotidensecret
desselben Thieres ein proteolytisches
Ferment enthält und Fibrin in Pepton über
führt. Allerdings ist die peptonisirende Wir
kung nur eine sehr schwache.
2. Wirkung auf Rohrzucker. Der
gemischte Speichel führt den Rohrzucker

Anschrift

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Hochschulbibliothek
Bünteweg 2
30559 Hannover
Kontakt

Tel.: +49 511 953-7100
Fax: +49 511 953-7119

E-Mail senden


Datenschutzerklärung

Partner

:
version: intranda viewer - a0c7c66