Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Erster Band (Aa - Brunot)
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selben verkauft und verbreiten so die Seuche.
Die Krankheit kann aber auch bei den ver
kauften Thieren schon im Entstehen begriffen
sein, ohne dass deutliche Symptome hervor
treten (in den ersten Stadien des Rotzes, der
Tuberculose oder Lungenseuche). Die ver
kauften Thiere können ferner Reconvalescenten
sein, die Krankheit überstanden haben, welche
als solche nicht mehr zu erkennen ist, ob
gleich wirksamer Ansteckungsstoff im Körper
noch vorhanden ist, oder sie sind vollkommen
genesen und dienen dann nur als Träger des
Contagiums, das ihnen irgendwo von aussen
anhaftet. Zur Nachweisung der Ansteckung
durch gekaufte Thiere gehört: 1. die Fest
stellung der ansteckenden Krankheit; 2. der
Nachweis, dass das Contagium in der That
von dem Thiere des Verkäufers ausgegangen
ist, welchen man für die stattgehabte Schädi
gung verantwortlich macht. Die Ansteckung
muss entweder vom gekauften Thiere ausge
gangen sein oder es muss die Seuche zur Zeit
des Kaufes in dem Stalle des Verkäufers ge
herrscht haben, beim Käufer aber nicht vor
handen gewesen sein. Hat der Verkäufer von der
ansteckenden Krankheit gewusst und ein kran
kes Thier unter Versicherung, dass dasselbe an
keiner ansteckenden Krankheit leidet, verkauft,
so ist er für den ganzen Schaden, den das
selbe anrichtet, verantwortlich und obendrein
wegen Gesetzesübertretung und einer gemein
schädlichen Handlung strafbar. Am häufigsten
werden verkauft Thiere mit Tuberculose, Rotz,
Lungenseuche, von tollen Hunden gebissene.
Eine wissentlich dolose Beschädigung durch
Ansteckung liegt vor: 1. wenn die Krankheit
sich bei dem Verkäufer durch deutliche Sym
ptome kundgethan und derselbe gewusst hat,
dass sie ansteckend ist; 2. wenn der Verkäufer
nachweislich zu täuschen gesucht, die Krank
heit künstlich versteckt oder unwahre Vor
spiegelungen über die vorhandenen Krank
heitssymptome gemacht; 3. wenn die Krank
heit bereits vor dem Verkaufe von Sachkun
digen als ansteckend bezeichnet worden;
4. wenn die verkauften Thiere aus einem
n otorisch inficirten Stalle stammen. Ist dem Ver-
käufer dagegen die Krankheit nachweislich
unbekannt gewesen, so hat er nur die ver
kauften Thiere zu ersetzen, falls sie nachher
fallen. Semmer.
Ansteckungsstoffe, Contagien, sindPro-
ducte oder Erreger von Krankheiten, die sich
innerhalb eines thierischen Organismus ent
wickeln und vermehren und die Fähigkeit be
sitzen, bei Uebertragungen auf dafür empfäng
liche gesunde Thiere dieselbe Krankheit zu
erzeugen, von der sie abstammten, und sich
in dem erkrankten von Neuem zu vermehren.
Man theilt die Ansteckungsstoffe in fixe und
flüchtige. Die fixen Contagien müssen durch
direete Berührung oder Impfung von einem
kranken auf ein gesundes Thier übertragen
werden, wenn sie zur Wirksamkeit gelangen
sollen. Sie sind an Schleim, Eiter, Blut,
Lymphe, Schorfen und Schuppen, Harn, Mistete,
gebunden, die man als Vehikel der Contagien
bezeichnet. Diese müssen durch Verletzungen
Koch. Encyklopädie d. Thierheilkd.

in der Haut oder den Schleimhäuten in das sub-
cutane Bindegewebe oder in das Blut gelangen,
um die Erkrankung hervorzurufen. Als flüch
tige Contagien bezeichnet man solche, die,
von Kranken durch die Lungen und Haut
mit dem Schweisse und anderen Secreten
und Excreten ausgeschieden werden, in feinen
Partikelchen durch die Luft fortgetragen, auf
gewisse Entfernungen hin (bis zu 300 Schritten)
ihre Wirksamkeit beibehalten und, von anderen
Thieren eingeathmet oder durch die Haut
oder den Verdauungsapparat aufgenommen,
die Ansteckung vermitteln. Aber auch die
flüchtigen Ansteckungsstoffe sind in allen
flüssigen und festen Körperbestandtheilen, Se
creten und Excreten enthalten und können
durch solche auf Gesunde übertragen werden.
Zu den Krankheiten mit einem fixen Con
tagium werden gezählt: der Milzbrand, Rotz
und Wurm, die Beschälkrankheit, Hundswuth,
Tuberculose, Prämie, Septikämie, Erysipel. Zu
den Krankheiten mit flüchtigem Contagium
rechnet man die Rinderpest, Lungenseuche,
Schafpocken, Maulseuche, Influenza, Staupe.
Die Eintheilung der Ansteckungsstoffe in fixe
und flüchtige hat einen rein praktischen
Werth, denn es gibt weder ein ausschliesslich
fixes noch ein ausschliesslich flüchtiges Conta
gium. Diejenigen Contagien, die nicht durch
direete Impfung übertragbar sind (Abdoniinal-
typhus, Cholera, Dysenterie) müssen, bevor
sie wirksam werden, gewisse Zwischenstufen
ausserhalb des thierischen Körpers durch
machen, ähnlich wie das bei den meisten thie
rischen Parasiten der Fall ist. Diejenigen Con
tagien, die man als fix bezeichnet, werden ent
weder in der Luft durch den Sauerstoff oder
durch Austrocknen schnell zerstört, oder sie
dringen nicht durch unverletzte Körpertheile
hindurch (Wuth,Milzbrand, Septikämie,Pyämie).
Dass aber auch die fixen Contagien unter Um
ständen flüchtig werden können, beweist der
Rotz. Derselbe geht oft von Pferd auf Pferd
ohne direete Berührung und ohne Zwischen
träger über. Ein lungenrotzkrankes Pferd kann
allinälig einen ganzen Stall anstecken, und zwar
meist wieder mit Lungenrotz, zu dem sich
erst später Nasenrotz und Wurm hinzugesellen.
Hier ist somit eine Uebertragung durch Con-
tact auszuschliessen. Vieborg wies ausserdem
nach, dass das Rotzeontagium in den flüchti
gen Ausdünstungen der kranken Pferde ent
halten ist. Alle Ansteckungsstoffe sind aber an
feste, materielle Substrate gebunden und kein
Contagium tritt in Gasform auf. Man hat
ferner die Contagien in solche unterschieden,
die, nur einmal entstanden, sieh gegenwärtig
nur durch Uebertragung fortpflanzen und nicht
wieder neu entstehen, und in solche, die unter
gewissen Bedingungen in oder ausserhalb des
thierischen Körpers sich stets von Neuem
bilden können und von Individuum auf Indi
viduum übertragbar werden. Man hat zu den
nicht mehr spontan sich entwickelnden Conta
gien das der Rinderpest, Pocken, Cholera,
Staupe, Maul- und Klauenseuche, Lungen
seuche, Wuth und Rotz gezählt. Eine bestän
dige Selbstentwicklung wird zugegeben für
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