Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Erster Band (Aa - Brunot)
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Erklärung darin, dass das Milzbrandcontagium
durch die unverletzte Haut und Schleimhaut
nicht eindringt und, wie Versuche von Falk
nachgewiesen haben, durch den Magensaft
grösstentheils zerstört wird. Unter Umständen
erlangt das Milzbrandcontagium eine besondere
Tenacität und Widerstandsfähigkeit und er
hält sich dann an allen Zwischenträgern sehr
lange wirksam. So theilen Roloff und Stahmann
Fälle von Uebertragungen durch trockene
Häute mit. Nach Hartmann erkrankten in Finn
land sechs Personen hintereinander durch
ein Bärenfell, bis dasselbe auf obrigkeitliche
Anordnung verbrannt wurde. Fournier, Herbst,
Bidault, Lavirotte, 8tone, Bartels, Neyding,
Bayer, Frankel beschreiben Fälle von Ueber-
tragung des Anthrax auf den Menschen durch
Wolle und Haare. Nach Hoffmann bekam ein
Mädchen zu wiederholten Malen durch wollene
Strümpfe die blaue Blatter an den Füssen.
Nach Carganico soll sich ein Tischler durch
Leim inficirt haben, und nach Hildebrand
wurden zwei Frauen durch kochendes Fett
angesteckt. Nicolau hat constatirt, dass am
häufigsten Schäfer, Fleischer, Kürschner, Fell
händler, Gerber und Fabriksarbeiter, die mit
Fellen, Wolle, Haaren, Klauen zu thun haben,
meist an den unbekleideten Körperstellen von
der Pustula maligna befallen werden. Nach
Boyer und Regnier sollen sich Schuhmacher
oft durch gegerbtes Leder inficiren. Wenn
auch Colin, Pawlikiewitz und Feser bei ihren
Versuchen zu negativen Resultaten gelangten,
so werden doch von Pasteur, Bouley, Chauveau,
Schöngen, Mecke, Leblanc, Cagny, Vulpian,
Davaine, Guerin, Villemin, Roche-Lubin, Roloff,
Seebach, Uebele u. A. zahlreiche Fälle ange
führt. wo Thiere durch Futterstoffe inficirt
wurden, die auf Verscharrungsplätzen für
Milzbrandcadaver wuchsen. Da das Milzbrand
contagium, wie Versuche von Feser, Bollinger
u. A. nachgewiesen, durch Fäulniss und Aus
trocknen bald zerstört wird, so handelt es sich
in den angeführten Fällen um Bildung be
sonders resistenter Anthraxkeime oder Sporen,
die allen äusseren Einflüssen lange wider
stehen. Nach Gerlach erkrankten 212 Schafe
durch Erdstreu, die von einer Stelle entnommen
worden, auf welcher drei Jahre vorher 18 am
Milzbrand gefallene Schafe und Rinder ver
graben waren. Gilbert, Roche-Lubin, Garreau
und Bassi führen mehrere Fälle an, wo in
Ställen, in denen vorher Milzbrandkranke sich
aufgehalten oder verscharrt worden, selbst
nach Reinigung und Lüftung und Ablauf
längerer Zeit, nachher immer wieder neue
Erkrankungen vorkamen. Lemke gelang es,
Schafe durch Inhalirenlassen getrockneten
verstäubten Blutes und pulverisirter Milz
substanz von Anthraxkranken, zu inficiren.
Am leichtesten werden Herbivoren vom Milz
brand befallen und übertragen dann die Krank
heit aufeinander, auf andere Thiere und auf den
Menschen. Am empfindlichsten für den Anthrax
sind Schafe, Meerschweinchen und Kaninchen,
dann folgen die Pferde, hierauf die Rinder,
Menschen, Geflügel, Hunde, Schweine, Reptilien
und Fische; die beiden letzteren nur, wenn

ihre Blutwärme künstlich auf lö—20° C. er
höht wird. Einige Autoren erklären die
Schweine und Raubvögel, Pasteur auch die
Hühner, Andere auch alte Hunde, ferner
Reptilien und Fische für immun gegen den
Anthrax. Es werden aber in der Geschichte
Fälle verzeichnet, nach welchen Schweine,
Geflügel und Fische am Anthrax erkrankt sein
sollen, und Oemler gelang es, den Milzbrand
auf Vögel, Frösche und Fische zu übertragen.
Es lässt sich vermuthen, dass unter besonderen
Bedingungen vielleicht das ganze Thierreich
für das Anthraxcontagium empfänglich ist,
wenn auch das genuine Entstehen desselben
vorzugsweise bei den Wiederkäuern und Ein
hufern zu suchen sein dürfte. Durch Ver
impfung aber ist der Anthrax fast auf alle
Wirbelthierclassen übertragbar. Die For
schungen der letzten Jahre haben über das
Wesen des Anthraxcontagiums vollkommene
Aufklärung gebracht und die Identificirung
desselben mit gasförmigen Miasmen und che
mischen Fermenten und Giften beseitigt.
Im Milzbrandblute wurden von Delafond
1844, von Pollender 1849 und 1886, von
Davaine und Bayer 1850, von Brauell 1856
stäbchenförmige Körperchen von 0 025 bis
0'05'" Länge und 0‘005'" Breite entdeckt,
die schon vor dem Tode der Anthraxkranken
auftraten und somit keine Leichenerschei
nungen sein konnten. Davaine beschreibt sie
1863 als bewegungslose gerade oder unter
einem stumpfen Winkel gebogene cylindrische
Fäden von 0 • 004 mm Länge, nennt sie Bacte-
ridien und hält sie für Träger des Conta-
giums. Ein Tropfen Milzbrandblut enthält
nach Davaine 8—10 Millionen Bacteridien.
Die Bedeutung dieser beim Anthrax auftre
tenden Bacteridien (Bacterien, Bacillen) wurde
aber anfangs von den meisten Autoren ver
kannt. Dieselben wurden je nach der Auf
fassung der einzelnen Autoren für Fibringe
rinnsel, Gewebstrümmer, Blutkrystalle und
nebensächliche Gebilde gehalten und ihnen
auch nicht einmal der von Brauell beige
legte diagnostische Werth zuerkannt. Einige
Autoren, wie Ravitsch, Grimm, Harz u. Ä..
sprechen noch im Jahre 1870 den Anthrax-
bacillen alle Bedeutung ab. Davaine, Brauell
und Bollinger wiesen aber nach, dass das
bacterienfreie Blut des Fötus milzbrandkran
ker Mutterthiere keine infectiösen Eigen
schaften besitzt, während das bacterienhaltige
Blut der Mutterthiere bei Impfungen stets
den Milzbrand hervorruft. Pasteur, Toussaint.
Klebs und Tiegel filtrirten Milzbrandblut
durch mehrere Lagen Filtrirpapier und Gyps
und fanden das bacterienfreie Filtrat unwirk
sam. Eine millionenfache Verdünnung des
Anthraxblutes mit Wasser erwies sich da
gegen nach Davaine noch wirksam und aus
gewaschene zu Boden gefallene Milzbrand-
bacterion erzeugten den Anthrax, während
die bacterienfreien oberen Wasserschichten
wirkungslos waren. Ebenso constatirteDavaine.
dass Blut, in welchem die Bacterien durch Des-
infectionsmittel und durch Hitze zerstört worden,
seine Wirksamkeit verliert. Bacterienfreies

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