Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Vierter Band (Gestüt - Hufzange)
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in Tastzellen treten, die unter der Glashaut
befindlich, während die von den Longitudinal
fasern entsandten Terminalfäden dieselbe
durchbrechen und zu einem Mantel den tief
sten Schichten der Stachelschicht (äusseren
Wurzelscheide) eingefügter lanzett- oder strich
förmiger Enden (nackter Axencylinder) füh
ren. Die den eigenartigen Terminalapparat
der sinuösen Haare bildende Wurzelscheiden
anschwellung wurde unter Fühlhaar abge
handelt. Dortselbst ist auch des von Bonnet
constatirten willkürlichen Bewegungsappa
rates dieser Haare besonders beim Fleisch
fresser des Näheren gedacht worden, während
hier noch auf das Vorhandensein eines aller
dings unwillkürlichen Muskels auch an den
schwellkörperlosen Haaren verwiesen werden
soll, der als ein Erector pili von der sub
papillären Hautpartie zu jener Seite des
Haarbalges zieht, welche mit der Hautober
fläche einen stumpfen Winkel bildet.
Die Entwicklung des Haares beginnt
in früher Zeitperiode mit der Bildung eines
Epithelzapfens, der sich in die Cutis einsenkt
und kappenartig die mittlerweile von dieser
gebildete Haarpapille umgreift; danach
scheidet sich der Epidermiszapfen in den cen
tralen „primitiven Haarkegel“ (ünna), die
Anlage des zunächst noch marklosen Haares
und der Haarwurzelscheide und die periphere
Zellenlage, die die äussere Wurzelscheide zu
bilden hat. Das junge Haar durchbricht bald
den Wurzelscheidenmantel, wird selbständiger
und rückt bis an die Hautoberfläche hervor,
um bei seinem Hervortreten die Epidermis in
ganzen Fetzen abzuheben (Epitrichium beim
Schweine). Die so fertiggestellten Primärhaare
werden theilweise schon während des Em
bryonallebens gewechselt, regelmässig trifft
dies wenigstens den grösseren Theil der
selben im Extrauterinleben. Der Haar
wechsel ist hier ein continuirlicher oder
periodischer. Ersterem unterliegen die Tast
haare, die Haare der Schwanzquaste des
Rindes, vielleicht auch die Wolle der Cultur
schafe. Alle anderen Haare (exclusive Schutz
haare) werden unter massigem Ausfall perio
disch gewechselt. Als ein vollkommener Haar
wechsel erscheint er im Frühjahr beim Pferde,
während der Herbsthaarwechsel scheinbar nur
ein partieller ist (Bonnet). Von den übrigen
domesticirten Thieren (wilde zeigen sehr stark
ausgeprägten Wechsel) soll ihn das Schaf in
kalten Gegenden (in Island und auf den
Färöern, Bendz) und wenn den wenig cul-
tivirten, mit Flaum- und Grannenhaaren be
deckten Rassen angehörig, durchmachen. Bei
den edleren Culturrassen fehlt er (v. Nathu-
sius). Der Haarwechsel documentirt sich
durch den Verlust des Glanzes des ganzen
Haarkleides, das gleichzeitig ein mehr strup
piges Aussehen annimmt. Die mikroskopische
Untersuchung lässt ein vorgängiges Schrumpfen
der Papille und dadurch herbeigeführte Ab
hebung zunächst der Haarwurzelseheide, dann
auch des Haares selbst beobachten. Das durch
consecutive Contraction des tieferen Haarbalg
theiles mehr und mehr hervorgeschobene Haar

zerfasert danach an seinem proximalen Ende,
um dann noch eine kurze Zeit hindurch als
Beethaar (Unna) sich erhalten und wenigstens
in seiner Rinde fortwachsen zu können. Unter
distaler Verlängerung der Papille und fort
schreitender Haarbalgcontraction und Collaps
des proximalen Theiles bildet sich, noch
während das Beethaar sich in der Haut erhält,
„von den Resten des auf der Papille sitzen
gebliebenen Keimlagers“ aus das Ersatzhaar
in Form eines meist stark pigmentirten Epi
thelkegels, der unter Zurückweichen der Papille
auf ihren früheren Platz sich vergrößert, da
mit auch das Beethaar mehr und mehr heraus
treibt und nun in der gleichen Weise wie der
primitive Haarkegel Haar und innere Wurzel
scheide entstehen lässt. Schon während des
Ausfalles des alten Haares büsst dies sein
Haarpigment ein, wie ein solches „Ergrauen“
in den späteren Lebensperioden regelmässig
auch schon bei den jungen Ersatzhaaren in
die Erscheinung tritt, ein Vorgang, den Gurlt
auch einmal in Folge physischen Affectes
beim Schweine als plötzliche Haarentfärbung
beobachtet haben will. Auch im Gefolge
schwerer Erkrankungen tritt zuweilen ein
allgemeiner Haarwechsel ein. Es ist Erfah
rungssache, dass mit dem Haarwechsel eine
Disposition zu gewissen, besonders Erkältungs
krankheiten gesetzt wird, weshalb im Haar
wechsel befindliche Thiere gern vor Erkäl
tungsgelegenheiten geschützt werden. Gewisse
Unregelmässigkeiten in dem Ablaufe des
Haarwechsels gehen mit eigenartigen Verän
derungen in der Form und dem Verlauf der
Haare Hand in Hand. Wennschon die beim
Schweine während des Hervorspriessens der
Haare physiologische Abhebung einer Epi-
trichialschicht ein Hinderniss für das gerade
Hervortreten der Haare abgibt, so ist es ins
besondere der Druck des sich nach der Ab
hebung des alten Haares am Grunde zusam
menziehenden Haarbalges und der von dem
centralen Pole desselben nachschiebenden
Epithelmassen, welcher die Bildung eigen
thümlicher knotiger Anschwellungen (Haar
spindeln) und spiraliger Windungen im Ver
laufe des Haares (Haarspiralen) veranlasst
(Bonnet).
Die physiologische Bedeutung des
Haarkleides unserer Thiere wurde schon ein
leitungsweise kurz präcisirt; hier noch Fol
gendes: Die Haare sind Schutzorgane, welche
die Unterlage vor der Einwirkung mechani
scher und chemischer Insulte bis zu einem
gewissen Grade sichern. Es fällt ihnen ferner
die Aufgabe zu, den Körper vor zu grossen
Wärmeverlusten zu schützen; sie ermöglichen
das, indem sie erstens selbst schlechte Wärme
leiter, die Abgabe von Wärme, namentlich wenn
sie den Körper als ein dicker Winterpelz be
decken, beeinträchtigen, und zweitens dadurch,
dass sie mit Hauttalg durchtränkt (gewisser
maßen eingeölt), auch bei starken Regengüssen
ein Durchnässtwerden der Haut und damit die
Entziehung von Verdunstungswärme verhin
dern; sie bringen das Wasser zum Ablaufen
Endlich dienen die Haare als Tastorgane.

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