Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Vierter Band (Gestüt - Hufzange)
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den echten Normalzustand aus. Allein da
das Leben in jeder Säugethiergattung sich
einmal schon in jenes der beiden Geschlechter
spaltet, da es ferner in jedem Einzelwesen
eine Kette von unzähligen und stetigen Ver
änderungen bildet, so dass es in jeder gege
benen Zeit, ohne von seinem Charakter ab
zuweichen, dennoch als ein anderes sich
darstellt, und da es endlich kein Zustand
für sich ist; sondern immerdar von der allge
meinen Naturthätigkeit und den Aussendingen
bestimmt wird, so kann jene vollkommene
Gesundheit auch nur in der Idee, keines
wegs aber in der Welt oder in der Wirklich
keit bestehen.
Die Gesundheit, wie sie vorhanden ist,
zeigt sich also an dem Einzelwesen immer nur
beziehungsweise als besondere (individuelle,
relative) Gesundheit oder als jene Höhe von
physischer und physiologischer Stärke, organi
scher Bildung und Wohlsein, wie sie von dem
Einzelwesen, nach den individuellen Verhält
nissen, in denen es befangen ist, erreicht
werden kann. Die Bedingungen der Gesund
heit liegen daher theils im Körperbau, Ge
schlecht, Alter, in der Constitution, Lebensart
oder Gewohnheit des Individuums und theils
in den Einflüssen der Aussenwelt.
Die erste Bedingung setzt daher einen
guten Körperbau mit nachhaltiger Kraft und
übereinstimmendem Zusammenwirken der
Lebensverrichtungen als Grundlage voraus,
und wird solche erreicht durch eine vortheil-
hafte Abstammung von gesunden Eltern mit
vererbenden Eigenschaften, Schlages- oder
Bassenart, naturgemässe Entwicklung im
Mutterleibe, gleichmässiges, langsames, dem
Alter entsprechendes Wachsthum, Gleichmass
im Körperbaue, kräftige Körperbeschaffenheit,
gute Verdauung, gut entwickelte Athmungs-
werkzeuge, Gleichgewicht in allen Lebens
vorgängen, ruhiges Temperament in Verbin
dung mit reiner gesunder Luft, gedeihlichen
Nahrungsmitteln und Getränk, angemessener
Thätigkeit, Schlaf und Buhe, Beinlichkeit und
Hautpflege, Ordnung und regelmässiger Hal
tung in der Lebensweise und endlich in der
Abhaltung von schädlichen Einflüssen.
Einen bedeutenden Einfluss übt aber die
Macht der Gewohnheit aus, wodurch das
Leben sich nach stufenweisem und oft wieder
holten Einwirken allmälig auch solchen
Aussenverhältnissen fügt, die nach ursprüng
lichen Naturgesetzen ihm nicht sehr günstig
sind; und diese Gewohnheit hat das Leben
aller eigentlichen Hausthiere so umgestimmt,
dass es von ihrem Leben im freien Zustande
beträchtlich abweichend geworden ist. Darum
ist die Gesundheit des zahmen Thieres eine
ganz andere als jene des wilden von gleicher
Gattung, gleichem Geschlecht und Alter, und
sie wird auch noch immer mehr umgeändert,
zu einem je höheren Grade von Künstlichkeit
die Oekonomie sich erhebt. Unter der eigen
nützigen Fürsorge des Menschen gewinnen
die Hausthiere eine andere Form, Haut
bedeckung, Farbe, ein ganz anderes plasti
sches und bewegendes Leben, dessen Aeusse

rungen, wenn sie ganz so bei dem freien
Thiere sich zeigten, bei diesem letzteren
nicht anders als krankhaft sein könnten.-
Auf so enge Grenzen aber auch immer
die individuelle Gesundheit beschränkt sein
mag, so besteht ihr Charakter doch immer
in jener Wirksamkeit des bildenden Lebens,
wodurch der thierische Körper bei aller Un
gleichförmigkeit der äusseren Einflüsse eine
gewisse Zeit lang sich in fortwährender
Gleichförmigkeit erhält, so dass alle einzelnen
Thätigkeiten oder Verrichtungen in einem
Gesammtzweck harmonisch zusammentreffen.
Jede Krankheit also, als Störung dieses
zwischen den Verrichtungen bestehen sollenden
Gleichgewichtes, setzt nothwendig einen sol
chen Zustand des plastischen Lebens voraus,
dass dasselbe seine Gleichförmigkeit nicht zu
unterhalten vermag, gegründet entweder in
der allzu grossen Fremdartigkeit äusserer Ein
wirkungen (als Schädlichkeiten oder Krank
heitspotenzen), oder in der unzureichenden
Energie der bildenden Lebensthätigkeit bei
der gewöhnlichen Beschaffenheit der äusseren
Einflüsse, oder in diesen beiden Momenten
zugleich. Diese Störung des Gleichgewichtes
aber besteht entweder in einem Missverhält
nisse zwischen Bewegung und Bildung, oder
insbesondere zwischen den organischen Ver
richtungen und den Organen, die dieselben
ausüben, oder in einer Entzweiung zwischen
den einzelnen Systemen, welche nur durch
ihr vollkommenes Uebereinstimmen zu einem
Gesammtzweck das gesunde Leben erhalten.
Die Erscheinungen, welche bei dem ge
sunden Zustande der Thiere sich äussern, gehen
aus dem Wohlbehagen hervor, mit welchem alle
Verrichtungen von statten gehen, das ist der
Fall, wenn der Blutkreislauf, das Athemholen,
die Verdauung, Hautausdünstung, Ausleerungen
und Sinnesverrichtungen mit Gleichmässigkeit,
Leichtigkeit, Stärke und Ausdauer vor sich
gehen. Gesunde Thiere zeigen ein munteres Be
nehmen, haben ein frisches, lebendiges Aus
sehen, klare, helle, feuchte, glänzende, durch
sichtige Augen, rosenrothe, feuchte Nasen
riechhaut, ebensolche Schleimhautgebilde des
Maules; die Deckhaare sind anliegend, glatt,
glänzend, die Wolle sitzt fest, ist weich, sanft
und doch kräftig anzufühlen; die Körperwärme
ist gleichmässig vertheilt, die Futter- und
Getränkaufnahme geht lebhaft und mit Lust
vor sich, der Athem ist leicht und gleich
förmig, mit kaum bemerkbaren Nasenflügel
und Flankenbewegungen verbunden, die Aus
leerungen und Secretionen sind regelmässig,
und alle Bewegungen gehen leicht und munter
von statten. Das Flotzmaul (Nasenspiegel)
beim Binde ist gleichmässig befeuchtet, glän
zend und etwas kühler anzufühlen als die
übrigen äusseren Körpertheile und auch in
der Farbe verschieden. Das regelmässige
Wiederkauen bei den Klauenthieren ist von
besonderer Bedeutung, denn es muss munter,
lebhaft, ergiebig und mit einem gewissen
Wohlbehagen geschehen.
Stärkung und Schädigung der Ge
sundheit. Je nach der Abstammung können

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