Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Achter Band (Pferdescheere - Rysz)
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Applicationsstelle des Reizes zu den nervösen
Centralorganen; sie dienen also dem Sich-
bewusstwerden der Vorgänge und Zustände
innerhalb des Respirationstractus, oder sie
lösen andererseits gewisse Reflexe aus, wel
che sich in ihrem Erfolge in diesem abspie
len, wie Niesen, Husten etc. — Als centri-
fugalleitende Bahnen treten mit den mus-
culösen Bestandtheilen der eigentlichen Re
spirationsorgane Aeste des N. facialis und
des N. vagus in Verbindung; jene versorgen
die Muskeln des Naseneinganges, diese (N.
recurrens s. larjngeus inferior) diejenigen
des Kehlkopfes und (Rr. pulmonales) die
muskulösen Elemente der Bronchien und Al
veolen. Die Respirationsmuskeln des Rumpfes
beziehen ihre Innervatoren von den Rücken
marksnerven (die Athemmuskeln des Thorax
von den Nn. thoracic! und Nn. pectorales des
Plexus axillaris, diejenigen des Bauches von
den Nn. lumbares, das Zwerchfell von dem
N. phrenicus).
Einzelne dieser Nerven nehmen eine ganz
besonders hervorragende Stellung in der Inner
vation des Respirationsapparates ein. 1. Wenn
auch die Durchschneidung des von Oh. Bell
als N. respiratorius faciei bezeichneten N.
facialis nicht, wie CI. Bernard für das
Pferd behaupte! hat, eine unbedingt tödtliche
Operation darstellt, macht sie nach Ellen -
berger das Pferd durch Stilllegung der re
spiratorischen Angesichtsmuskeln doch zur
Dienstleistung unfähig. 2. Der N. vagus
wird besonders durch die Innervation der Kehl
kopfmuskeln bedeutungsvoll; Durchschnei
dung beider Nn. vagi lähmt auch die
Stimmritzenerweiterer, die Stimmbänder nä
hern sich einander und bleiben unbeweglich;
das erzeugt schwere Störungen in dem Luft
eintritt in die tieferen Luftwege, dadurch
dass sich die eingesaugte Luft auch in den
seitlichen Kehlkopftaschen fängt und die
schlaffen Stimmsaiten gegen die Medianebene
bis zur gegenseitigen Berührung aufbläht;
die Luft schneidet sich so den Zugang zu
den Lungen ventilartig selbst ab; junge Thiere
mit sehr beweglichen Chorden und enger
Stimmritze gehen deshalb nach %—1 Stunde
asphyktisch zu Grunde. Bei älteren Thieren
mit weiterer Stimmritze erfolgt der Tod je
denfalls nicht in so kurzer Frist, dieselben
empfangen, da die gegenseitige Annäherung
nicht bis zum Stimmritzenverschluss führt,
noch etwa die Hälfte der vordem inspirirten
Luftmenge; das genügt zunächst für ihren
Bedarf in der Ruhe, zur Dienstleistung aber,
also zu angestrengterer Muskelaction werden
sie unfähig; nachfolgend stellen sich schwere
Störungen im Athemvorgange, durch Aus
bildung einer Bronchopneumonie infolge des
Eindringens von Nahrungsbestandtheilen in
die Lunge ein; beiderseitige Vagotomie lähmt
nämlich auch die Schlingorgane, den Schlund
und den Magen (Pansen, Haube und Lab
magen bei Wiederkäuern) und veranlasst da
durch Hebertritt, bezw. gestattet Aspiration
von Mundflüssigkeit und Speisebestandtheilen
in die Luftwege, und verhindert die Gasaus-
Koch. Encvklopädi« d. Thierheilkd. VIII. Bd.

stossung aus dem Magen; die sich daran
anschliessende Fremdkörperpneumonie tödtet
Hunde in 3—4, Schafe in 3, Pferde in 5—6
Tagen, bei Wiederkäuern beschleunigt der
durch Gasretention in Pansen und Haube er
zeugte Meteorismus den Tod zuweilen erheb
lich, da er die Athmung mechanisch behin
dert und den Eintritt von Lungenödem be
fördert. Es ist selbstverständlich, dass die
durch die beiderseitige Vagusresection her
beigeführte Lähmung der Bronchialmusculatur,
der vasomotorischen Lungennerven und ge
steigerte Herzfrequenz eine Stauungstranssu
dation in das Lungenparenchym veranlasst
und so in Gemeinschaft mit anderen Momen
ten den letalen Ausgang beschleunigt. Ein
seitige Vagotomie, bezw. einseitigeRe-
currenslähmung, wie sie bei Pferden
besonders linksseitig durch Druck der Aorta
auf den Nerven, durch fortkriechende Brust
fellentzündungen etc. häufig spontan eintritt,
äussert den störenden Einfluss der beider
seitigen Vagotomie nicht, beeinträchtigt aber
doch die Athmung in der Bewegung und
lässt eine geräuschvolle (pfeifende, schnar
chende, sägende) Inspiration, das sog. Rohren,
to roar, le cornage, entstehen. 3. Die Nn.
phrenici endlich, welche die Bewegungs
impulse des Athemcentrums auf das Zwerch
fell übertragen, daher Nn. respiratorii intern!
genannt, können dasselbe, wenn sie selbst in
tonischen Erregungszustand versetzt sind, in
dauernder Inspirationsstellung erhalten und
so durch Asphyxie todten; Lähmung der
selben mittelst der Durchschneidung er
zeugt durch Zwerchfellstillstand vorüber
gehende starke Inanspruchnahme der Inspi
rationsmuskeln an der äusseren Oberfläche
des Thorax und so Hebergang des beim Pferde
abdominalen Athemtypus in den costalen;
allmälig ändert sich jedoch dieser letztere
wieder in den ersteren um, so dass schon
nach Ablauf eines Tages das costale Athmen
weniger augenfällig erscheint, wohl weil das
Th' r, welches anfangs durch den plötzlichen
Wegfall seiner Zwerchfellathmung belästigt,
mit aller Anstrengung seiner äusseren In
spiration respiriren zu müssen glaubt, nach
folgend sich an diesen Zustand gewöhnt und
nunmehr haushälterischer mit seinen Muskel
kräften zu Werke geht.
ß) Das CentralnervenSystem ent
hält in derMedulla oblongata jenes Cen
trum, welches die Oberleitung des Athmungs-
vorganges übernimmt, und dem deshalb alle
peripher wirkenden Impulse zugeführt wer
den, wie es andererseits auch seine Erregungen
den Athemmuskeln zuertheilt. Legallois er
kannte diese dominirende Rolle des Kopf
markes zu der Athmung, Flourens be
stätigte sie und nannte die fragliche Stelle
desselben den „point oder noeud vital“.
Der Lebensknoten ist ein paariges Centrum,
das bei medianer Durchschneidung des ver
längerten Markes ungestört furtarbeitet, dabei
aber die Möglichkeit der ungleichzeitigen
Athmung beider Körperhälften gewährt und
bei einseitiger Zerstörung dauernd nur durch
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