Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Achter Band (Pferdescheere - Rysz)
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Ünerregbarkeit des Athemcentrums, bezw.
des Mangels an Athemreizen bei Sättigung
des Blutes mit 0 und gleichzeitiger C0 2 -
Armuth. Dieselbe besteht dauernd während
des Intrauterinlebens und im Winterschlafe
Vieler Thiere als normale Erscheinung, kann
aber auch vorübergehend künstlich durch ver
stärkte Ventilation der Lungen mit Luft, bezw.
0 mittelst der künstlichen Athmung erzeugt
werden. Mit Wegfall der günstigen Bedin
gungen im Blutgasgehalte erreicht auch die
Apnoe ihr Ende. Der infolge der Ablösung
des Fruchtkuchens behinderte Gasaustausch
zwischen Mutter und Frucht und die damit
einhergehende, von der Wehenthätigkeit des
Uterus bedingte Compression der Nabelge-
iüsse lassen das C0 2 -Quantum im Blute der
Frucht anwachsen, den O-Gehalt dagegen
zurückgehen und setzen so die Ursache
des ersten Athemzuges des Neuge-
geborenen; weder der Kältereiz noch die
Berührung mit der atmosphärischen Luft geben
dieselbe ab, denn sonst würde nicht auch
der noch in der Mutter ruhende Fötus
athmen, dessen Nabelgefässe eingeengt, bezw.
unterbunden werden, sonst nicht das zufällig
einmal noch in seine Hüllen eingeschlossene,
also vor der atmosphärischen Luft geschützte
Individuum, wenn es von der Mutter ausge-
stossen ist. Dagegen sind kräftige Hautreize,
wie Schlagen oder kalte Uebergiessungen, ein
sehr werthvolles Adjuvans behufs Anregung
der Athmung und Auslösung des ersten
Athemzuges. — 2'. Auch directe, also un
mittelbar in loco centri respirationis wirkende
Te mp er atur vermin derungen,bezw. Stei
gerungen sind Athemreize entgegengesetzter
Wirkung. Erhitzung des Carotidenblutes lässt
die Athmung dyspnoisch (Fick und Goldstein),
Auflegen von Eisstückchen auf die freige
legte Medulla oblongata dieselbe langsamer
(Fredöricq) werden. — 3'. Endlich sollen ge
wisse in der thätigen Skelettmusculatur ent
stehende Zersetzungsproducte unbekann
ter Art (Zuntz und Geppert), dann das
Strychnin, das sich in dieser Richtung
übrigens bei den mit sehr wenig erregbarem
Athemcentrum ausgestatteten Neugeborenen
und Föten unwirksam zeigen soll, centrale
Reize darstellen. — 4'. Sehr bedeutungsvoll
für den Rhythmus der Athmung erweisen
sich endlich eine Summe indirecter, nur
mittelbar durch die centripetalen Zuleitungen
dem Athemcentrum, also reflectorisch zu
geführten Reize. Wie das Athemcentrum mit
anderen Hirn- und besonders Kopfmarkcen
tren in Verbindung steht, so scheinen auch
die mannigfachsten Körperstellen demselben
Nerven zuzusenden; besonders die Ausbrei
tungsgebiete der Nn. vagi und der Sinnes
nerven von Auge, Ohr und Haut sind die
Ausgangsstellen reflectorisch wirkender Reize.
Die einen derselben mehren, die anderen min
dern die Athemfrequenz; man unterscheidet
deshalb Be schienn! gun g s- und Hem
mungsnerven für die Athmung, oder
mit anderen Worten, alle Reize für jene ac-
celeriren, alle Reize, welche diese treffen,

retardiren die Respiration, o.') Als Be
schleunigungsnerv gilt in erster Linie
der N. vagus; die zahlreichen über seine
Beeinflussung der Athmung von Legallois
(1812), Eckhard, Valentin, Pflüger, Rosen
thal und vielen Anderen angestellten Ver
suche ergeben als allgemein anerkanntes Re
sultat, dass beiderseitige Durchschneidung
desselben augenfällige Verlangsamung (bei
Hunden von 18 auf 3, bei Pferden von 12
bis 16 auf 6—5 Athemzüge) der Athmung
bei gleichzeitiger inspiratorischer Vertiefung,
und nachfolgende Reizung des centralen
Rumpfes der durchschnittenen Nerven er
hebliche Beschleunigung derselben nach sich
zieht. Man kann hieraus entnehmen, dass die
den fraglichen Einfluss setzenden Beschleu
nigungsfasern in den Nerven centripetal dem
Athemcentrum zugeleitet werden. Die von
ihnen ausgehenden Nervenreize, bezw. Er
regungen übertragen sich also auf das
Athemcentrum und hier speciell auf das In
spirationscentrum, infolge dessen vor allem
die Inspirationsmuskeln, vorzugsweise das
Zwerchfell zu vermehrter Thätigkeit ange
regt werden; starke elektrische Reizung ver
anlasst dieses zu tonischer Contraction, stellt
es also inspiratorisch still. Da die durch
Discision der Vagi bedingte Athmungsver
langsamung sofort nach der Operation in
die Erscheinung tritt, so ist man geneigt,
den Nerven als einen in dem Zustande stän
diger Erregung (Tonus) befindlichen aufzu
fassen. ß') Demgegenüber enthalten die bei
den Kehlkopfäste des N. vagus, N.
laryngeus superior und inferior s. recurrens,
auch athmungshemmende Fasern, deren
Erregung nachweislich ebenfalls centripetal
auf das Athemcentrum und insbesondere auf
das Exspirationscentrum übergeleitet wird
(Rosenthal, Pflüger und Burkart, Hering und
Breuer). Das ist der Grund, weshalb massige
Reizung des centralen Stumpfes der durch
schnittenen Nn. laryngei superiores eine merk
liche Abnahme der Respirationsfrequenz mit
Verlängerung der Athempausen, stärkere Rei
zung derselben völligen Athemstillstand bei
expiratorischer Zwerchfelleinstellung zur
Folge hat. Aehnliche Resultate erzielte Bur
kart für die Nn. recurrentes. Ein Zustand
ständiger Erregung scheint indes für diese
Hemmungsnerven nicht vorzuliegen, weshalb
auch einfache Durchschneidung der einen
oder anderen Kehlkopfäste in der Regel nur
geringe Abnahme der Respirationsfrequenz
bedingt. •(') In den Lungenästen des N.
vagus verkehren augenscheinlich sowohl
athmungshemmende wie athmungsbeschleuni-
gende Fasern. Durch diese Annahme erhält
man wenigstens die positive Grundlage für
die Erklärung des Hering-Breuer’schen Ge
setzes von der Selbststeuerung der Ath
mung, wonach jede inspiratorische Dehnung
der Lunge, z. B. durch eingeblasene Luft, als
mechanischer Nerven- (Dehnungs-) Reiz von
einer Exspiration, jede Verkleinerung der
selben, z. B. durch Ansaugung der Lungenluft,
von einer Inspiration beantwortet wird. 8') Von

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