Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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viele Aehulichkeit, so viele Verwandtschaft,
dass es schwer wird — in früheren Zeiten
sogar unmöglich — eine Grenze zwischen
dem Thierr und Pflanzenreiche zu ziehen,
Polypen nnd Algen und hundert andere
Thier- und Pflanzenformen gehen so nahe
mit einander parallel, dass es iii der That
schwer ist, sie . durch den blossen Anblick
von einander zu unterscheiden. Eine Reihe
von Kennzeichen, welche die Mineralien
nicht besitzen, ist beiden organischen Gruppen
gemein, und die Polypen und Korallen hat
man lange genug für Pflanzen, letztere sogar
eine Zeit lang für Kalkkrystalle in Form von
Bäumen gehalten.
; Demnach ist kein Zweifel, dass die
Gruppe der Pflanzen die erste zur Befruch
tung und Bevölkerung der Erde gewesen.
Die Beschreibung und Entwicklung der
Pflanzen in den verschiedenen geologischen
Zeitperioden, ihre Benennung, Fortpflanzung,
Classificirung und Zusammensetzung ist Sache
der Geologie, Botanik und Chemie.
Die ersten Pflanzen sind die Algen und
Tangarten, feine zarte Fäden oder Bänder,
die von einem Punkte ausgehen, ganz ein
fache Pflanzen, aneinander gereihte Zellen
ohne Wurzel; nicht weniger einfach und
gleichfalls nur Zellen bildend sind die An
fänge des Thierlebens, das sich uns sowohl
noch jetzt bei den Infusionsthierchen, als in
den Versteinerungen der Vorwelt zeigt.
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und
Stickstoff sind vor Allem die vier Elemente,
nebenbei noch einige andere, welche alle
organischen Körper bilden, und die zahl
reichen Pflanzen- und Thierspecies, welche
die Erde trägt, unterscheiden sich in ma
terieller Beziehung nur durch die Form, und
man kann dann nicht einmal zwei Unter
abtheilungen (Pflanzen und Thiere) zugeben,
wenn ein stofflicher Unterschied gesucht
werden will.
Zur Entstehung von Pflanzen und Thieren
sind, wie wir die Erde jetzt vor uns sehen,
Pflanzen und Thiere derselben Art noth
wendig. Die Frage, wie denn Pflanzen und
Thiere zu, einer Zeit entstanden sind, wo
es deren noch keine gab, führt auf das
alte, ungelöste pythagoräische Räthsel: Was
war eher, die Henne oder das Ei? und woher
kam die Henne, die das erste Ei legte? oder
woher kam das Ei, aus welchem die erste
Henne schlüpfte? Dies führte zur bekannten
generatio aequivoca oder generatio originaria,
Entstehungsweise von Organismen ohne Keime
oder Eier,, welche nach Burmeister jetzt
nicht mehr statt hat, weil alle Thiere und
Pflanzen mit Organen zur Fortbildung von
ihresgleichen versehen sind.
Das Leben auf der Erde wird mit den
Pflanzen anfangen müssen, denn sie sind die
einfachsten Organismen und müssen, wie
schon erwähnt, die Erde auf das Thierleben
vorbereiten, indem sie zuerst und vor allen
Dingen Nahrung für das Thierreich schaffen
und gleichzeitig die Luft - von der Kohlen
säure reinigen; der natürlichste Entwicklungs

gang für das Thierreich wird also derjenige
sein, welcher solcher Anordnung angemessen
ist; die ersten Thiere müssen solche gewesen
sein, die im Wasser, u. zw. im Meerwasser
lebten, da es noch kein anderes Wasser gab,
solche, die nicht. Luft athmeten, die See
gewürme; später folgten Knorpelfische und
Amphibien, Thiere mit unvollkommenem Kno
chengerüste und unvollkommenen Lungen,
welche also der jetzigen, sauerstoffreichen
Luft entbehren konnten, und wir finden in
den Archiven der Vorwelt, in den ältesten
Schichten der Sedimente nicht ein einziges
Geschöpf höherer Ordnung, keine wahren
Fische, kein Landthier und keinen Vogel,
dagegen die mikroskopischen Infusorien (s.
Iufusoria), für ihren Wohnort und für ihre
Existenz ausgestattet mit wunderbarerMannig-
faltigkeit der Form, Lebenskraft und Wider
standsfähigkeit. mit ihrer räthselhaften Ent
stehung und Fortpflanzung durch Ableger,
'Theilung und Knospen. Doch auch für die
Entwicklung des thierischen Lebens durch
die geologischen Zeitperioden muss die Geo
logie die Wissenschaft bilden.
Die Natur hat bei ihrer ersten Schöpfung
dafür gesorgt, Thiere zur Bevölkerung der
Erde herbeizuschaffen, denen die stürmischen
Revolutionen der noch nicht fertigen Kruste
richt beschwerlich wurden, und alle höher
organisirten Thiere sind leichter verletzlich,
als die niederen. Man sollte das Umgekehrte
erwarten, man sollte glauben, es müsse eine
geringere Verletzlichkeit zum Wesen des
höheren Organismus gehören, allein es ist
thatsächlich nicht so; niemand wird be
haupten, das Geranium sei eine edlere Pflanze
als eine Tanne oder eine Eiche, dennoch
kann man die Eichen und Tannen nicht
durch Ableger fortpflanzen, wohl aber das
Geranium und tausend andere ähnliche
Pflanzen, denn diese tragen in jedem ihrer
Zweige die Bedingungen des Lebens gesam
melt, vereint. Ebenso ist es bei den niederen
Thieren, bei welchen nicht nur der abge
schnittene Theil wieder nachwächst, sondern
jeder Theil selbstständiges Leben hat. Ganz
anders ist es mit den Thieren höherer Ord
nung. Schon dem Krebse wächst an Stelle
der ausgerissenen Scheere nur eine unvoll
kommene, niemals eine ausgebildete wieder,
aber einem Fische wächst nicht die ausge
rissene Flosse, einem Hunde nicht der abge
hauene Fuss nach u. s. w.
Man findet, dass die Mineralkörper, die
Gebirgs-, die Felsarten, unabhängig von der
geographischen Lage, vom Klima, von Er
hebung über die Meeresfläche, über die ganze
Erde verbreitet sind. Bei Pflanzen und Thieren
ist dies durchaus nicht der Fall; Palmen und
baumartige Farren, Pisang und Cactus, sowie
Gürtelthiere und Elephanten, Affen und
Riesenschlangen findet man nur in den
Tropenländern, oder nahe an deren Grenzen,
dagegen flieht die heissen Erdstriche das
Veilchen und die Fichte, das Tausendschön
chen und die Birke, der Eisbär und das
Renthier u. s. w.

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