Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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Ueber das Wesen, bezw. die Ausführung
dieser verschiedenen Uebungen (Schulen),
s. die einzelnen Schlagworte. Grassmann.
Schulgänge, s. Schule.
Schulpferd nennt man in der Reitkunst
jedes Pferd, das alle Uebungen derselben,
eigentlich diejenigen der höheren Reitkunst,
mit Genauigkeit auszuführen versteht. Im
Allgemeinen verlangt man von dem Schul
pferd bezüglich seiner Körperbeschaffenheit
zwar keine besondere Kraft, dafür aber Ge
wandtheit und Leichtigkeit in der Bewegung,
Eleganz in der Haltung und Bewegung, Ge
lehrigkeit und Folgsamkeit. Wenn nun auch
nicht in Abrede zu stellen ist, dass ge
wisse Pferderassen sich besonders zu Schul
pferden eignen, so sind dieselben doch
immerhin keine eigenen Züchtungsproducte.
Die spanischen und Limousiner Pferde, beide
Rassen orientalischer Abstammung, beson
ders aber die ersteren, waren ehedem im
XVIII. Jahrhundert, als die Schulreiterei
noch in Blüthe stand und etwas galt, eben
infolge ihrer natürlichen Anlagen die ge
suchtesten Schulpferde. Mit der zunehmenden
Anglomanie verschwand die Schulreiterei und
damit auch die wirklichen Schulpferde immer
mehr. Heute sind die Lippizaner Pferde, die
eben spanischer (orientalischer) Abkunft sind,
die vorzüglichsten Schulpferde. Dieselben
findet man in der vollkommensten Ausbil
dung in der spanischen Reitschule in Wien.
Die in der Kunstreiterei eingeführten Schul
pferde sind mehr dressirt, als in den Uebun
gen der hohen Schule ausgebildet, daher oft
kaum Schulpferde im wahren Sinne des
Wortes zu nennen. Grassmann.
Schulter, Schultergegend. In hippolo-
gischer Beziehung wird jener Theil des thie
rischen Körpers Schulter genannt, welcher
das Schulterblatt zur Grundlage hat. Ex-
terieuristisch ist Schultergegend jene Seiten-
brustpartie unserer Hausthiere, welche sowohl
rechterseits, als linkerseits vom Widerrist bis
zur Bugspitze (Bug- oder Schultergelenk)
reicht und innerhalb der Umgrenzung des
vorderen und hinteren Schulterblattrandes
gelegen ist.
Das Wesentliche der Schulter ist die
gelenkige Verbindung des Schulterblattes
mit dem Oberarmbein zum Schultergelenk
(Buggelenk), welches ein freies Gelenk (siehe
Gelenk) ist und besonders beim Pferde eine
wichtige Rolle spielt, da eine rasche, gefällige
und der geforderten Dienstesleistung ange
messene Bewegung des Thieres wesentlich
von dem Baue und der Form dieser Körper-
partie abhängig ist. (Vergl. unter „Mechanik
des Thierkörpers“: Mechanik der Ortsverän
derung und Schultergelenk.)
Ein langes und breites, sowie möglichst
schiefgestelltes Schulterblatt (ein Winkel von
45° zur Lothrechten wird als der entspre
chendste angenommen) gewährt dem Vorder-
fuss bei entsprechend entwickelter Musculatur
und geeigneter Schulung des Thieres einen
grösseren Spielraum in der Bewegung, als es
gegenteilige Verhältnisse gestatten.

Von nicht unwesentlichem Einfluss auf
die freie Beweglichkeit des Schultergelenkes
ist die Form des Brustkorbes und die Befesti
gung des Schulterblattes an demselben mittelst
der Muskeln; diese soll weder zu fest, noch
zu locker sein, jener soll weder zu gewölbt,
noch zu flach sein.
Eine mässig breite Brust (s d.) wird
einer freien Beweglichkeit der Schulter besser
entsprechen, als eine übermässig breite oder
schmale Brust, da bei ersterer Brustform die
Bugspitzen (Schulter- oder Buggelenke) zu
weit von einander, bei letzterer zu nahe an
einander stehen, um eine völlig freie und
raumgreifende Bewegung zu ermöglichen.
Auch die Länge, Stellung und Lagerung
des Oberarmbeines bilden ein wesentliches
Moment für die mehr oder weniger freie Be
weglichkeit des Schultergelenkes, somit auch
für die Beurtheilung einer Schulter in ex-
terieuristischer Beziehung.
Die Einpflanzung des Oberarmbeines in
das Schulterblatt soll einem Winkel von 90°
entsprechen. Die Stellung des Oberarmbeines
ist von der Wölbung des Brustkorbes abhän
gig; bei einer flachen Brustwandung kommt
das Oberarmbein besonders in seiner unteren
Hälfte der Brustwand zu nahe, gegenteiligen
Falles zu entfernt zu stehen, in beiden Fällen
wird die freie Action des Schultergelenkes
beeinträchtigt werden.
Ein möglichst langer Oberarmknochen
ist für ein weites Ausgreifen der Vorderfüsse
in jeder Gangart (s. d.) von Vortheil.
Mit Berücksichtigung der vorangeführten
Momente spricht man von nachstehenden
Eigenschaften und Formen der Schulter:
1. Nach der Beweglichkeit (Action)
des Thieres mit den Vorderfüssen:
a) von einer freien Schulter bei
leichter und raumgreifender Vorarmaction,
sog. „Schulterfreiheit“;
b) von einer gebundenen, steifen
oder kalten Schulter bei einer gegentei
ligen Bewegung. Schulterfreie Pferde werden
sich besonders zum Reitdienst eignen, wäh
rend Pferde mit gebundener Schulter sich
besser zum Zuge eignen, schon wegen der
Geschirranlage (Kummete), wodurch die freie
Schulteraction an und für sich gehemmt wird;
c) von einer lockeren oder losen
Schulter, wenn diese bei einer Belastung
des Brustkorbes keinen entsprechend festen
Ansatz gewährt, gleichsam einsinkt, was eine
für Reitpferde nicht erwünschte Eigenschaft ist.
2. Nach der Form der Schulter, bezw.
Schultergegend:
a) von einer langen Schulter, womit
die schräge Stellung des Schulterblattes (45°)
gemeint ist, da sich eine derartig schief ge
stellte Schulter länger präsentirt, als es bei
einem steiler gestellten Schulterblatt der
Fall ist.
Eine solche Schulter gewährt eine raum
greifende Action, sie ist sowohl für Zugpferde,
insbesondere aber für Reitpferde erwünscht;
b) von einer breiten Schulter, wenn
diese in den oberen Partien umfangreicher,

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