Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Neunter Band (S - Stallspringer)
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führt, dass das Torfschwein der Pfahlbauten
aus jenen Gegenden stammt, in denen das
Sennaarschwein noch heute lebt, d. h. aus
Mittel afrika.
In seiner Abhandlung „Einige weitere
Beiträge über das zahme Schwein“ u. s. w.
(Verhandl. d. Naturf.-Gesellsch. in Basel
1877) ist Rütimeyer geneigt, das Binden
schwein, Sus vittatus, in Cochinchina als
eine Quelle des indischen Hausschweines und
damit auch des Torfschweines zu betrachten.
Eine Aehnlichkeit zwischen dem Torfschwein
und dem Sennaarschwein findet Rütimeyer
nur in der Form des Thränenbeines, während
sonst die schmale gestreckte Schädel-
form, die dünne Schnauze mit schmalem
Gaumen, die lange Kinnfuge, das schwäch
liche Gebiss mit dem Torfschwein nichts
gemein haben soll. Diese von Rütimeyer
behauptete Verschiedenheit des Schädels
vom Sennaarschwein stützt sich auf ein
weibliches Exemplar desselben. Dagegen
vermochte ich („Biologisches Central
blatt“. Bd. V, 8. 308) die grösste Aehn
lichkeit zwischen dem Schädel eines fast
ausgewachsenen Sennaarebers und dem
eines ausgewachsenen Torfebers festzu
stellen, weshalb ich mich der Ansicht von
R. Hartmann und J. W. Schütz an
schlösse, dass das Torfschwein vom mittel
afrikanischen Wildschwein (Sus sennaari-
ensis) abstammt oder doch mit ihm über
einstimmt. A.Nehring (Verb. d.Berliner
anthropol. Gesellsch. 1888, S. 181) be
trachtet das Torfschwein „als einen durch
primitive Domesticirung verkümmerten
Abkömmling des gemeinen europäischen Wild
schweines“. Dem Torfschwein schliesst Neh-
ring auch eine zwerghafte Schweineform aus
dem Torfmoor von Tribsees an, die er früher
(Sitz.-Ber. der Gesellschaft naturf. Freunde,
Berlin 1884, S. 7) 8. scrofa nanus genannt
hat, die er jedoch am anderen Orte für eine
„Hungerform“ des vorgeschichtlichen Haus
schweines erklärt.
Was nun schliesslich die fossilen Schweine
formen in Amerika betrifft, so führt die
Stammlinie derselben vom eocänen Eohyus
durch zahlreiche Mittelformen zu der gegen
wärtig lebenden Gattung Dicotyles. Von den
Gattungen Sus, Porcus und Phacochoerus
sind nach Marsh („Introduction and Suc
cession of Vertebrate life in America“ im
American Journ. of sc. and arts, 1877, vol.
XIV) keine unzweifelhaften Ueberreste in
Amerika gefunden worden.
Wildschweine der Gegenwart.
Gegenwärtig leben folgende fünf Gattungen
der Schweinefamilie im wilden Zustande:
1. Das Warzenschwein, Phacochoerus,
besitzt einen sehr plumpen Bau, einen langen
und schweren Kopf mit zwei bis drei Paar
Hautwarzen an der Aussenseite der Augen
und der Nase, mächtige Hauer, einen walzen
förmigen, auf dem Rücken etwas eingesenkten
Rumpf und verhältnismässig kurze und feine
Beine. Die Behaarung besteht in einer
schwarzen, braun-spitzigen Nacken- und

Rückenmähne, im Uebrigen aber nur aus
kurzen und dünn stehenden Borsten. Die
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Gebissformel ist: Schneidezähne —, Eck-
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zähne —, Vorbackzähne —, Backzähne —.
Die Schneidezähne fallen jedoch häufig aus
und die Vorbackzähne und vorderen Backen
zähne werden abgeworfen, so dass nur der
hinterste, aus zahlreichen Schmelzsäulen zu
sammengesetzte (dem des Elephanten ähn
liche) Backenzahn übrig bleibt.
Die Zoologen unterscheiden zwei Arten

Fig. 1793. Hirscheber.
des Warzenschweines: Das eigentliche mittel
afrikanische Warzenschwein, Phacochoerus afri-
canus oder aeliani (Fig. 1792 zeigt dessen
Kopf nach Brehm’s Thierleben) und .den süd
afrikanischen Hart- oder Schnellläufer, Pb,
aetbiopicus. Ersteres besitzt nur zwei Schneide
zähne im Zwischenkiefer und sechs im Unter
kiefer. Der Kopf des afrikanischen Warzen
schweines ist länger als der des äthiopischen,
seine Stirn ist in querer Richtung leicht
ausgehöhlt und seine Gesichtslinie ein wenig
eingesenkt, während die des Hartläufers nach
oben gewölbt (ramsnasig) ist. Im höheren
Alter fehlen dem Hartläufer die Schneide
zähne in beiden Kiefern. Im Uebrigen sind
sich beide Arten des Warzenschweines sehr
ähnlich. Die Gesammtlänge erwachsener
Warzenschweine beträgt einschliesslich des
Schwanzes fast 2 m bei 70 cm Widerristhöhe.
2. Der Hirscheber. Porcus babyrussa
(Fig. 1793), hat seine Heimat auf Celebes
und den östlich benachbarten Inseln. Seine
Gesammtlänge beträgt nach Brehm etwa
1 20 m bei 80 cm Widerristhöhe. Der Kopf
ist verhältnissmässig klein und spitz und
dadurch gekennnzeichnet, dass die oberen
Hauer die Haut der Nase durchwachsen und
sich sichelförmig nach hinten krümmen. Der
Rumpf ist längs des Rückens schwach gewölbt,
an den Flanken etwas zusammengedrückt.
Die harte, dicke und gerunzelte Haut ist mit
kurzen Borsten besetzt, von aschgrauer Farbe

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