Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Zehnter Band (Stall und Stallbau - Verbrennen)
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fluss aus. Moderne Zuchtprincipien dringen
von dorther und wirken umgestaltend auf
die bisherige Veredlungszucht ein. Die höchste
Kraftentwicklung des englischen Pferdes, gibt
ihm das Uebergewicht über alle anderen.
Während bis dahin in den Gestüten ver
schiedenartig gekreuzt wurde, predigt man
von Rein-, Vollblut- und Halbblutzucht.
Wir sehen heutzutage die Pferde je nach
dem Gebrauche in sehr viele Gruppen ge
schieden, da die höchste Leistungsfähigkeit
irgend einer Art nur von einer bestimmten
Pferdekategorie verlangt werden darf. Die
Zuchtprincipien sind auch nicht dieselben, je
nachdem man edle, veredelte oder gemeine
Pferde züchtet.
In der edlen Zucht, werden die Voll
blutthiere als die Urquelle des Zuchtmateriales
betrachtet.
In der gemeinen Zucht haben sich die
Ansichten von jetzt und ehemals gewaltig
verändert. Die gemeine Zucht kam in Ehren
und wird ebenfalls mit besonderem Fleiss
nach bestimmten Grundsätzen betrieben. Ja
es werden manchmal gemeine Pferde zur
Verstärkung, d. i. Verbesserung der Masse
und des Knochengerüstes der edlen Pferde
verwendet.
Wie die edle Zucht von der jeweiligen
Kriegsart, so ist auch die gemeine Zucht von
dem betreffenden Wirthschaftsbetrieb ab
hängig gewesen.
Die Rindviehzucht. Die Zucht des
Rindes im Alterthum war eine sog. gemeine.
Es handelte sich hauptsächlich, gute Arbeits
ochsen zu produciren, wogegen die Zucht
auf Milch und Mast wenig berücksichtigt
wurde. Als Beispiel einer zuchttauglichen
Kuh wird von den römischen Schriftstellern
eine Ochsenmutter, d. i. eine starkgebaute,
knochige, mit grossen Hörnern versehene
Kuh, hingestellt. Dies ist wohl dadurch
erklärlich, dass man im Alterthum, ja selbst
im Mittelalter die Ochsen als die gebräuch
lichsten Wirthschaftsthiere zum langsamen
Zuge, zur Feldarbeit und zum Dreschen ver
wendete. Ja selbst bei den Völkerwanderun
gen nahm der Ochs entschieden die erste
Rolle ein; während nämlich die Männer zu
Pferde ritten, folgten ihnen unzählige Wagen,
die von Ochsen gezogen wurden, nach.
Im Mittelalter erlangte unter den Rinder
rassen das Alpenrind und das Holländerrind
Bedeutung, indem die Milchergiebigkeit
dieser beiden Rinderrassen rühmlichst her
vorgehoben wird. Sonst aber galt das Rind
bis in die neueste Zeit für eine Dung
maschine und wurde nur allzuhäutig für ein
nothwendiges Uebel erklärt. Aus diesem
Grunde wurde im Allgemeinen der Rindvieh
zucht wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Die modernen Zuchtprincipien in der
Rindviehzucht wandten zuerst die Engländer
an. Um das Jahr 1780 haben Karl und Ro
bert Colling die berühmte Zucht der Short-
hornrinder gegründet und nie dagewesene
Mastkolosse gezüchtet. Seit dieser Zeit wird
die Zucht auf alle drei Richtungen, d. i.

auf Zugleistung, Milch- und Mastproduction
schwungvoll betrieben. Die Zucht wird seit
dieser Zeit in edle und gemeine geschieden.
Ganz entgegengesetzt, wie bei der Pferdezucht,
treten edle Rinderrassen zuerst in West
europa auf; diese werden als edles Zucht
material überall zur Veredlung angewendet
und sie verbreiten sich unaufhörlich von
Westen nach Osten schreitend über das
ganze Europa. Sie wirken umgestaltend auf
die Landrassen.
Die Schafzucht. Bereits im grauesten
Alterthum erscheint die Schafzucht als die
allerälteste unter jener der Hausthiere und ist
in edle und gemeine geschieden. Edle Schafe
sind jene mit feiner Wolle, deren Vliess zu
feinsten Geweben und Purpurkleidern ver
wendet wurde. Solche Schafe fanden sich
in Arabien, in Kleinasien, in Süditalien und
in Spanien vor. Diese wurden in Decken ge
hüllt, damit das Vliess nicht verdorben wird,
und im Stalle gehalten. Die gemeine Zucht
wurde überall betrieben; die Schafe dieser
Zuchtrichtung gehörten der Landrasse an,
waren widerstandsfähig und mit grober Wolle
bekleidet.
Im Mittelalter findet man die feinwol
ligen edlen Schafe in Spanien vor; sie
heissen Merinoschafe. Von dort gelangten
sie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr
hunderts nach Frankreich, Deutschland und
Oesterreich und lieferten das edle Zucht
material zur Verbesserung der Landrassen.
Das edle Schaf ist somit ähnlich wie das
edle Pferd ursprünglich orientalischer Ab
stammung und wird allgemein zur Veredlung
verwendet.
Die modernen Zuchtprincipien haben
die Engländer zuerst an Schafen angewendet.
Um das Jahr 1763 begann Robert Bakewell,
der Gründer der modernen Thierzucht, die
rationelle Viehzuchtlehre an Schafen prak
tisch durchzuführen. Aus dem alten, schlecht
gebauten und nicht mastfähigen Leicester-
schaf hat er ein frühreifes, mastfähiges und
in jeder Richtung vorzügliches Schaf heran
gezüchtet. Seit dieser Zeit wurde die Schaf
zucht um das Fleischschaf bereichert und
die Zuchtrichtung ist in drei Theile ge
schieden: auf Wolle-, Fleisch- und Milch-
production. Die moderne Thierzuchtlehre ist
zum grössten Theile auf Erfahrungen, die in
diesem Jahrhunderte bei der Schafzucht ge
sammelt wurden, basirt.
Die Schweinezucht. Das Hausschwein
gehört unstreitig zu den ältesten Hausthieren.
Alle geschichtlichen Ueberlieferungen weisen
darauf hin, dass es in China in einer sehr
entlegenen Zeit mit besonderem Fleiss ge
züchtet wurde. Ebenso haben seit der ältesten
Zeit die Griechen und Römer der Schweine
zucht die grösste Aufmerksamkeit geschenkt.
Aristoteles (400 Jahre vor Chr. Geb.) gibt
in seiner Naturgeschichte Rathschläge, wie
die Schweine gemästet werden sollen. Vor
der Mast musste das Schwein abgewogen
werden, durch 60 Tage mit besonderem
Futter gefüttert und der Mastfortschritt durch

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