Titel:
Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht ; Zehnter Band (Stall und Stallbau - Verbrennen)
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hin- und herwiegend, von den grünen oder
schon dürren Aesten herab; am Boden liegen
Stämme, längst abgestorben, morsch und
faul, aber auf den Leichen keimt neues Leben,
eine neue Pichten- und Tannensaat geht auf
und wächst empor im frischesten Grün und
die grossgewordenen Stämme zeigen noch
die Richtung an, in der ihre Mutter lag,
welche starb, damit sie selbst leben und zum
Lichte streben können. Ueppiges Strauch
werk, Parrenkraut und Moos überwuchern Tod
und Stein mit frischem Grün, mit saftigem
Leben, während zeitweise mit weissen Flechten
überzogene Granitblöcke, wie gebleichte
Riesenschädel, hervorblinken. Die morschen
Stämme fallen dumpf krachend oder lautlos
unter dem Tritt zusammen, weiche Mooshügel
überdecken trügerisch lockeres Haufwerk und
Pelsklüfte, in die man durchbricht, oder auch
moorig schwammigen Boden. Häufig stehen
die Stämme auf Stelzen, pandanusartig, d. h.
der Baum erreicht mit seinem unteren Stamm
ende den Boden gar nicht, sondern steht
schwebend auf einem Unterbau säulenartiger
Wurzeln, und man kann hindurchgehen oder
wie unter einem Zelte sich zwischen Wurzeln
lagern; auch diese Erscheinung erklärt sieb
aus dem Keimen auf Stöcken und Stämmen,
deren Leiber eben im Verlaufe der Jahrhun
derte vermodern und zerfallen.
Die Königin dieser Urwaldbäume ist die
Tanne (Weisstanne). Sie erreicht die riesig
sten Dimensionen und ist im Böhmerwalde
den Urwäldern fast eigenthümlich, bildet hier
die üppigsten Bestände, während es der
Cultur kaum gelingt, sie zu erhalten. Die
cultivirten Wälder im Böhmerwalde sind da
her fast ausschliesslich Fichtenwälder. Wenn
auch Exemplare im Alter von 400 bis 500
Jahren, von 200 Fuss Höhe und 1900 Kubik-
füss (ca. 42 m 3 ) Holz bloss im Schaftholz,
wie einen solchen Hochstetter ausmass und
beschreibt, Einzelheiten sind, so trifft man doch
ganze Bestände von 300 bis 400 Jahren mit
15—20 Klafter per Stamm, kein Stamm unter
12 Klafter.
Der zweite Hauptbaum ist die Fichte.
Sie erreicht zwar nie die Grösse der Tanne,
kommt aber mit der Tanne im gleichen
Alter vor (im Maximum 300—500 Jahre, ein
zelne Exemplare bis 700 Jahre) und bildet mit
ihr gemischte Bestände. Die Fichtenstämme
werden durchschnittlich zu 300—500 Kubik-
fuss (7 — 11 m s ) geschätzt, erreichen aber in
einzelnen Exemplaren eine Grösse von 1000
Kubikfuss (ca. 20 m 3 ). Der dritte Hauptbaum
ist die Buche, im Allgemeinen jünger als
die Nadelhölzer, meist von 100 bis 250
Jahren; sie bildet häufig das Unterholz oder
ist auch nur einzeln eingesprengt. Ganze
Bestände mit älteren Bäumen von bedeuten
deren Dimensionen sind selten.
Das grösste Interesse verdient die über
einstimmende Ansicht vieler erfahrener Forst
leute im Böhmerwalde, dass in langen
Perioden von 400 bis 500 Jahren der Nadel
holzbestand in den Urwäldern mit Buchen
bestand wechselt. Die Ansicht gründet sich

auf das verschiedene Wachsthumverhäitniss
von Laub- und Nadelholz und auf den gegen
wärtigen Stand der Urwälder. Nimmt man
für einen ersten Zustand, für eine erste
Periode ein gleichmässiges Vorhandensein
von Buchen- und Nadelhölzern an, die ihren
Samen ausstreuen, so muss das schneller
wüchsige Nadelholz die jungen Buchen über
holen. Diese werden unter dem Nadelholz
bestand der zweiten Periode ein gedrücktes
Unterholz bilden, das erst frei werden wird
in einer dritten Periode, wenn die Generation
des Nadelholzes abgestorben. Unter diesen
Buchen keimt aber für eine vierte Periode
schon wieder eine frische Saat von Nadelholz,
die das Absterben der Buchen erwarten muss,
bis sie zu Licht und Luft kommt. In der
That spricht dafür der Charakter vieler Ur
waldstrecken, in welchen die Buche mit den
Nadelhölzern nicht in gleichem Alter vor
kommt, sondern das jüngere Unterholz bildet,
welches die alten Tannen und Fichten, die
schon jetzt grösstenteils im Absterben be
griffen, überleben muss und dann frei gewor
den, einen geschlossenen Bestand bilden
wird, unter dem dann die jüngste Nadelholz
generation, die jetzt schon unter den Buchen
keimt, ihrer Freiwerdung harrt. Aus dem
Lagerholz lässt sich für diese Ansicht aller
dings nichts Schliessen, da das Buchenholz
schon in wenigen Jahren verwest, während
das Nadelholz selbst über 100 Jahre sich
gesund erhält. Ueberall in der Natur zeigt
sich Wechsel und so mögen auch hier Dynastien
der Baumwelt in ewigem Kampfe mit einan
der abwechselnd herrschen und beherrscht
werden.
Vereinzelt kommen noch vor: Kiefern,
verschiedene Arten von Ahorn, die Ulme,
Esche, Erle, Schwarzbirke, Saalweide und als
Seltenheit der Taxusbaum oder die Rotheibe,
nirgends aber im ganzen Gebirge die Eiche.
Dem Botaniker geben die Urwälder wohl
eine mannigfaltige Ausbeute an Kryptogamen,
Moosen, Flechten und Farnkräutern, umso
weniger aber an Phanerogamen. Die Wald
wiesen sind im Juli und August ganz gelb
von Arnica montan a, der Waldsaum von Im-
patiens noli tangere L. und auf den Hoch
gipfeln wird man durch manches schöne
Pflänzchen überrascht, das an die Alpen er
innert, wie Soldanella montana. Phyteuma
nigrum, Sonchus alpinus, Homogyne alpina,
Pyrola uniflora.
Die Strecken echten Urwaldes werden
immer kleiner, und zahlreiche Werke sind
vorhanden und immer neue werden in Angriff
genommen, um die unzugänglichsten Wald
strecken zur Benützung zu bringen. Ueber
die ungeheuren, düsteren Waldmassen sieht
man hie und da im Sommer blauen Rauch
aufsteigen, das Zeichen des Holzhauers, der
mit Feuer und Eisen sich Bahn bricht in
die uralten Wälder. Im Frühjahr, wenn
der Schnee geht und die Bäche reissend
werden, fängt das Schwemmen und Flössen
an, zum Theil in künstlichen Schwemm
canälen. Alljährlich werden aus den fürstlich

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